SNB-Jordan: «Turbulenzen sind nicht ausgeschlossen»

Die Schweizerische Nationalbank (SNB) bereitet sich auf einen mögliches Ja Grossbritanniens zu einem Austritt aus der EU vor. Im cash-Video-Interview äussert sich SNB-Präsident Thomas Jordan zur Ausgangslage.
16.06.2016 14:00
Von Daniel Hügli, Bern
Thomas Jordan, Direktoriumspräsident der Schweizerischen Nationalbank, im cash-Video-Interview.
Bild: cash

Es ist nicht so, dass bei der Schweizerischen Nationalbank (SNB) derzeit die Nerven blank lägen. Aber eine erhöhte Unruhe ist bei den obersten Verantwortlichen der SNB durchaus auszumachen. Kein Wunder: Der 23. Juni, der Tag, an dem Grossbritannien über einen Austritt aus der Europäischen Union abstimmt, wirft schon seit Wochen einen Schatten auf die internationalen Finanzmärkte.

Ein so genannter Brexit wird den letzten Meinungsumfragen zufolge immer wahrscheinlicher - mit entsprechenden Folgen für Aktien, Obligationen und Devisen. "Man muss davon ausgehen, dass ein solcher Entscheid Unsicherheiten kreieren würde, und Turbulenzen wären nicht ausgeschlossen", sagt Thomas Jordan, Direktoriumspräsident der Schweizerischen Nationalbank, im Video-Interview mit cash.ch anlässlich der vierteljährlich stattfindenden geldpolitischen Lageburteilung der SNB.

Die SNB signalisiert den Marktteilnehmern, dass sie bei Verwerfungen an den Märkten nicht tatenlos bleiben wird. Denn der Franken ist traditionell ein Zufluchtsort von Investoren in Zeiten von erhöhter Verunsicherung an den Märkten. 

"Bei Bedarf werden wir stabilisierend am Markt eingreifen", sagt Jordan. Vielleicht hat die SNB dies in den letzten Tagen bereits getan. Der Franken hat sich zum Euro seit Beginn der letzten Handelswoche um drei Prozent aufgewertet. Das bedeutete die stärkste Aufwertung innerhalb einer Woche seit der Aufhebung des Mindestkurses Mitte Januar 2015. Das ist Gift für die Bemühungen der SNB, die mit Negativzinsen seit eineinhalb Jahren versucht, den Franken auch international weniger attraktiv zu machen.

Absenkung der Negativzinsen?

Experten vermuten, dass die SNB eine Leitzinssenkung auf minus 0,90 bis minus 1,0 Prozent ins Auge fasst, sollten sich die Märkte nach einem tatsächlichen Brexit nicht beruhigen und sollte der Aufwertungsdruck auf den Franken anhalten. Am Donnerstag beliess die SNB an ihrer Lagebeurteilung den Leitzins auf einem Niveau von 0,75 Prozent. Marktbeobachter vermuten, dass die SNB den Franken-Euro-Kurs nicht nachhaltig auf unter 1,08 absacken lassen will.

Auffallend war am Donnerstag in der Rede von Thomas Jordan, wie der SNB-Präsident die Bedeutung des anhaltenden Tiefzinsumfelds für Sparer und Anleger herausstrich. Jordan beurteilt dieses Umfeld als "Herausforderung". Das Thema sei etwas, "das in der Öffentlichkeit viel diskutiert werde", sagt Jordan gegenüber cash. Er bezeichnete es aber als falsch, dass man seine Äusserungen als Vorbereitung für eine weitere Ausdehnung der Negativzinsen interpretieren sollte.

Der Hintergrund: Die Banken haben damit begonnen, die Negativzinsen, die seit eineinhalb Jahren Bestand haben, auf ihre Kunden abzuwälzen, was Verärgerung auslöst. Dies geschieht vor allem bei den Privatbanken und ihren vermögenden Kunden. Mittlerweile erwägt auch die UBS, Negativzinsen an superreiche Privatkunden weiterzugeben. 

Die Verzinsung auf den Konten der Postfinance fiel kürzlich auf Null. Ist es eine Frage der Zeit, bis die Banken auch die Konten von Retailkunden und Kleinsparern mit Strafzinsen belegen? "Die Banken müssen entscheiden, ob und an wen sie die Negativzinsen allenfalls weitergeben, die Nationalbank mischt sich da nicht ein", sagt Jordan im cash-Video. "Wir gehen allerdings davon aus, dass die Weitergabe von Negativzinsen insbesondere an kleinere Retailkunden bei den Banken im Moment kein Thema ist."

Im Video-Interview äussert sich Thoams Jordan zu Devisenmarkt-Interventionen und darüber, wie er die Nacht der Brexit-Abstimmung verbringen wird.