Sorgt Trump für länger anhaltende Tiefzinsen in der Schweiz?

In den USA deutet eigentlich vieles auf eine baldige Zinserhöhung hin, doch die Wahl von Donald Trump sorgt für Verunsicherung. Das könnte Auswirkungen auf die Zinsen in Europa haben - und in der Schweiz.
11.11.2016 00:05
Von Ivo Ruch
Die amerikanische Zentralbank Fed: Ihre Leitzinsen dürften im Dezember steigen.
Die amerikanische Zentralbank Fed: Ihre Leitzinsen dürften im Dezember steigen.
Bild: Bloomberg

Es dauerte nicht lange, bis sich nach dem überraschenden Sieg von Donald Trump auch die Zentralbanker meldeten. Die Message aus Washington: Die amerikanische Notenbank Fed möchte sich nicht von ihrem Zinspfad abbringen lassen. "Die Debatte über sukzessive Zinsanhebungen ist meiner Ansicht nach weiter sinnvoll", sagte der Präsident des Fed-Ablegers von San Francisco, John Williams. Entscheidend seien für ihn weiter die Wirtschaftsdaten.

Peter Praet, hochrangiges Mitglied der Europäischen Zentralbank (EZB), liess verlauten, es sei zu früh, um auf das US-Wahlergebnis zu reagieren. "Wir müssen ruhig sein, ruhiger als die Märkte", sagte der EZB-Chefökonom. Das waren Beruhigungsversuche für die Finanzmärkte, die grösstenteils gar nicht nötig waren.

Denn anders als viele Beobachter erwartet hatten, führte die Wahl von Donald Trump nicht zu einer Flucht in sichere Anlagehäfen im grossen Stil, was sich auch in den Renditen von amerikanischen Staatsanleihen niederschlägt: Besonders bei den langen Laufzeiten stiegen die Marktzinsen in den letzten zwei Handelstagen deutlich an, wie der folgende Chart zeigt.

Deutlicher Renditeanstieg: 10jährige US-Staatsanleihen in den letzten drei Monaten (Quelle: cash.ch)

Dennoch gehen einzelne Zinsspezialisten von anhaltender Marktunsicherheit aus und von einer erhöhten Wahrscheinlichkeit, dass die US-Notenbank Fed in diesem Jahr nicht mehr an der Zinsschraube dreht. Laut einer Mitteilung vom Donnerstag gehört dazu Stefan Heitmann, CEO des Hypothekenvermittlers Moneypark. Er erachtet auch weitere Zinsanstiege in den USA als unsicher und sieht deshalb die Negativzinsen der Schweizerischen Nationalbank (SNB) noch länger im negativen Bereich zementiert.

US-Motor brummt

Zwar bleibt die Ungewissheit über Trumps wirtschaftspolitischen Kurs bestehen, doch die Mehrheit der Experten rechnet nach wie vor mit einer Zinserhöhung der Fed im Dezember. Und damit stellt sich die Frage nach der zukünftigen Geldpolitik – nicht nur in den USA, sondern auch in Europa und der Schweiz.

Was für weitere Zinsschritte spricht: Derzeit läuft die Wirtschaft in den USA beinahe auf Hochtouren, das Wachstum hat sich zuletzt gar beschleunigt. Der jüngste Report zum Bruttoinlandsprodukt zeigte für das dritte Quartal ein annualisiertes Wachstum von knapp 3 Prozent an. Das hat auch Folgen für die Teuerung. Die US-Kerninflation – die Preise für Lebensmittel und den Energiesektor ausgeklammert – ist auf 1,7 Prozent geklettert und somit nahe am angepeilten Ziel von 2 Prozent.

Dieser Trend dürfte weiter anhalten. Oder sich sogar verstärken, wie Caroline Hilb meint: "Investitionen und höhere Staatsausgaben in die Infrastruktur, wie sie Donald Trump ankündigte, dürften die Inflation in den USA noch weiter antreiben", sagt die Leiterin Anlagestrategie und Analyse bei der St. Galler Kantonalbank im Gespräch mit cash.

Thomas Jordan blickt nach Frankfurt

Tritt das ein, wird es Folgen für die Geldpolitik der amerikanischen Notenbank haben. Und so rechnet die St. Galler KB neben der Zinserhöhung im Dezember im kommenden Jahr mit zwei oder drei Zinsschritten der Fed. In einem Jahr würden bei diesem Szenario die US-Leitzinsen bei 1,25 Prozent stehen.

Wie aber verhält sich die SNB dabei? Weit verbreitet ist weiterhin die Meinung, dass die Schweizer Geldpolitik viel eher in Frankfurt als in Washington gemacht wird. Und auch die EZB fährt zunehmend einen eigenständigen Kurs, wie Anlagestrategin Hilb sagt. Wichtiger als der Fed-Kurs dürfte für die EZB ihr Anleihekaufprogramm und die Inflationserwartung in der Euro-Zone sein.

Derzeit kaufen EZB-Präsident Mario Draghi und sein Team für monatlich 80 Milliarden Euro Staats- und Unternehmensanleihen von Euro-Ländern auf. Weil die Kerninflation in der Euro-Zone weiter unter 1 Prozent verharrt, stehen die Zeichen diesbezüglich eher auf Verlängerung als auf baldiges Ende. "Wir erwarten, dass Mario Draghi das Kaufprogramm bei Gelegenheit verlängert und in den nächsten 12 Monaten keine Zinserhöhung durchführt", sagt Ökonomin Caroline Hilb.

In dieser Hypothese hätte auch die SNB kaum Anlass, etwas an ihrer Geldpolitik zu ändern und ihre Negativzinsen zu lockern. Denn ihre Abhängigkeit von ausländischen Ereignissen zeigte sich bei den US-Wahlen erneut. Zu Wochenbeginn sagte Direktoriumsmitglied Andréa Maechler explizit, bei Verwerfungen im Zuge der Präsidentschaftswahlen am Devisenmarkt zu intervenieren - analog dazu, wie sie es bereits nach der Brexit-Abstimmung getan hatte.

Einen direkten Link zwischen den USA und der Schweiz gibt es dennoch. Tut sich zwischen Fed und SNB in den kommenden Monaten die Zinsschere weiter auf (siehe Tabelle), könnte das für die Schweizer Währungshüter einen positiven Nebeneffekt haben: Kapital fliesst aus der Schweiz in die Vereinigten Staaten. Mit der Folge, dass sich der Schweizer Franken zum Dollar tendenziell abschwächt.

Notenbanken und ihre Zinsen

Währungsraum Leitzins, in Prozent
Schweiz - 0,75
Schweden -0,5
Euro-Zone 0,0
Japan 0,0
USA +0,25-0,5

Quelle: Wikipedia