Staatsanleihen - Nach positiven Renditen muss man bei den «Bunds» suchen

Wie Hochgebirgschnee in der sommerlichen Sonne schmelzen die letzten Renditen bei deutschen Staatsanleihen dahin. Bald könnte Deutschland wie die Schweiz eine komplett negative Zinskurve aufweisen.
23.06.2019 13:46
Die Figurengruppe auf dem Brandenburger Tor in Berlin.
Die Figurengruppe auf dem Brandenburger Tor in Berlin.
Bild: Pixabay

Sollten die 30-jährigen Renditen in den negativen Bereich abrutschen, so wäre dies eine Premiere unter den grossen Rentenmärkten. Eine globale Rally hat bereits alle deutschen Staatsanleihen bis zu einer Laufzeit von 20 Jahren unter die Marke von Null Prozent gedrückt. Eine weitere Verschlechterung der Handelsbeziehungen zwischen den USA und China, ein Anstieg des politischen Risikos Italiens oder weitere Stimulus-Signale der Europäischen Zentralbank dürften dazu führen, dass die gesamte Kurve negativ wird.

Die Auswirkungen könnten weitreichend sein. Dies kann bedeuten, dass Versicherer und Pensionsfonds zum Kauf von Anleihen mit negativer Rendite gezwungen sind, da ihre Portfolios weiterhin Papiere mit hoher Bonität aufweisen müssen. Es wird Händler auch bei ihrer Renditejagd dazu bringen, risikoreichere Wertpapiere wie italienische Bonds, Unternehmens- oder Schwellenmarktanleihen zu kaufen. Und es ist ein weiteres Signal für Europas so genannte "Japanifizierung" wo Wachstum, Inflation und Anleiherenditen langfristig gedrückt bleiben.

"Wenn Sie mich vor zwei Wochen gefragt hätten, ob 30-jährige deutsche Renditen unter Null gehen, hätte ich ein paar Tage gebraucht, um die Lachanfälle hinter mir zu lassen", sagte Luke Hickmore, Vermögensverwalter bei Aberdeen Standard Investments. "Jetzt scheinen wir in ein völlig anderes Marktumfeld gewechselt zu haben, in dem die Renditen auf der ganzen Welt atemberaubendere Tiefs und negative Niveaus testen. Die Bedeutung ist enorm."

Rekordvolumen mit negativen Renditen

Das Volumen der Anleihen weltweit mit negativen Renditen stieg in dieser Woche auf ein Rekordniveau von 12,5 Billionen Dollar, nachdem EZB-Präsident Mario Draghi das bisher deutlichste Signal gab, dass die Notenbank Zinssenkungen und eine quantitative Lockerung erwägt. Er folgt damit der US-Notenbank und anderen, die angesichts der wachsenden Bedrohungen für das globale Wirtschaftswachstum erneute Stimuli erwägen.

In Deutschland gibt es nur noch sechs von 57 konventionellen Wertpapieren mit einer positiven Rendite, die alle in mehr als 20 Jahren fällig werden.

Die 30-jährigen deutschen Anleihen haben derzeit eine Rendite von 0,29 Prozent, nachdem sie in dieser Woche auf ein Rekordtief gefallen sind. Zum Vergleich: Die 30-jährigen Renditen in den USA liegen bei 2,54 Prozent und in Italien immer noch über 3 Prozent. Laut Bloomberg-Berechnungen impliziert die Marktpreisbildung mittels Optionen eine Wahrscheinlichkeit von ungefähr einem Drittel, dass die deutschen 30-Jahres-Renditen im nächsten Jahr in den negativen Bereich abrutschen.

Negatives Europa

Das wäre ein Schritt weiter als in Japan, wo die Renditen für 30-jährige Anleihen nie negativ wurden und 2016 ein Tief von 0,02 Prozent erreichten und jetzt bei 0,34 Prozent liegen. Nur die Schweiz hat eine komplette Zinsstrukturkurve im negativen Bereich verzeichnet, aber das Volumen ihres Anleihemarktes beträgt weniger als ein Zehntel des deutschen Volumens. Auch in Dänemark ist die gesamte Zinsstrukturkurve kurz davor, negativ zu werden.

Die Niederlande könnten folgen, wobei die Renditen für 10 Jahre bereits negativ sind. Die entsprechenden französischen, finnischen und österreichischen Anleiherenditen sind diese Woche alle unter null gefallen. Der wachsende Bestand an Anleihen mit Renditen unter Null kann dazu führen, dass bei den Versicherern künftig gemäss den Solvency-II-Vorschriften der Europäischen Union ein Stresstest bezüglich der Auswirkungen negativer Renditen durchgeführt werden muss.

(Bloomberg/cash)