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Kolumne

Staatsfinanzen - Bürden wir unseren Kindern zu viele Schulden auf?

Ökonomen steiten sich zur Frage, ob man mit steigenden Staatsfinanzen gelassen umgehen kann oder nicht. Halbwegs beruhigend ist, dass die Schweizer Haushaltführung verantwortungsvoller ist als in den USA oder der EU.
28.02.2021 13:30
Von Claude Chatelain
Bürden wir unseren Kindern zu viele Schulden auf?
Bild: Shane Wilkinson

 

Die Kolumne «Gopfried Stutz» erschien zuerst im 

"Beklagte man ehemals die Schuld der Welt, so sieht man jetzt mit Grausen auf die Schulden der Welt." Der berühmte Satz von Arthur Schopenhauer, gestorben vor 160 Jahren, gefällt mir, obschon der grosse Philosoph mit Schulden nicht das meinte, was uns derzeit graust.

Weltweit häuft man schwindelerregende Schuldenberge an, um die Corona-Krise zu finanzieren. Doch im Vergleich zur EU oder zu den USA steht die Schweiz dank einer verantwortungsvollen Haushaltsführung der vergangenen Jahre gut da. Dennoch wehrt sich Finanzminister Ueli Maurer gegen neue Schulden. Er will sie nicht der jüngeren Generation aufbürden. Denn irgendjemand müsse sie mal zurückzahlen.

Doch stimmt das überhaupt? Müssen unsere Nachkommen die Schulden irgendwann zurückzahlen?

Wie wir selber erfahren müssen, sind Zinsen derzeit extrem tief, zum Teil sogar negativ. Das heisst, zur Sicherstellung der Zahlungsfähigkeit bekommt die "Tresorerie" des Bundes sogar einen Zins, statt dass sie uns Anlegerinnen und Anlegern einen Zins bezahlen muss, wie das üblich wäre. Verkehrte Welt. Doch wer um Gottes willen kauft eine Anleihe mit einem negativen Zins? Häufig sind das ausländische Investoren, welche die Anleihe nicht des Zinses, sondern des Frankens wegen kaufen. Sie gehen davon aus, dass bei Ablauf der Anleihe der Franken noch stärker beziehungsweise ihre Währung noch schwächer sein wird als heute. Investoren, die in Euro rechnen, sind bisher mit dieser Strategie nicht schlecht gefahren.

Wenn das Wirtschaftswachstum höher ist als die Zinsenlast, so tilge sich ein Teil der Schulden über ihre Laufzeit von selbst, war kürzlich auf der Onlineplattform "The Market" zu lesen. Das heisst, die Schulden müssten gar nie zurückbezahlt werden. Und der Berner Uniprofessor Dirk Niepelt schrieb in einem "NZZ"-Gastkommentar, ein Staat mit einem sehr langen Horizont müsse seine Schulden nie tilgen, solange die Schulden nicht schneller wachsen als das Volkseinkommen.

In der "NZZ" war aber auch zu lesen: "Wer behauptet, Schulden müssten nie zurückbezahlt werden, verlässt sich blind darauf, dass die Zinsen ewig so tief bleiben, wie sie jetzt sind." Derzeit rechne zwar niemand mit einem raschen Zinsanstieg. "Doch davon auszugehen, dass das immer so bleibt, ist eine gefährliche Wette."

Was jetzt? Drei Wissenschaftler sind auf einer einsamen Insel gestrandet. Nur gerade eine Konservendose mit Bohnen vermochten sie vom Schiff mitzunehmen. Nun sinnieren sie darüber, wie sie die Dose öffnen könnten. Der Physiker will mit einem Stein den Deckel der Dose einschlagen. Der Chemiker schlägt vor, die Dose in die Sonne zu legen, bis der Inhalt fermentiert, sich ausdehnt und die Dose sprengt. Und der Ökonom meinte: "Nehmen wir mal an, wir hätten einen Büchsenöffner ..."

 

Claude Chatelain

Claude Chatelain (geb. 1953) ist Kolumnist beim «SonntagsBlick». In der Kolumne «Gopfried Stutz» beschreibt er wöchentlich seine Beobachtungen auf dem Gebiet der Vorsorge, der Versicherungen und der Anlageberatung. Zuvor schrieb der langjährige Wirtschaftsjournalist für die Wirtschaftszeitung Cash und die «Berner Zeitung». Von 1991 bis 1998 betreute der studierte Ökonom im «Blick» die Ratgeber-Kolumne «Chatelain rät».

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