Staatskrise und VersorgungsengpässeVenezuela macht Finanzmärkte nervös

Die Staatskrise in Venezuela macht Anleger rund um den Globus nervös. Ein Überblick über die aktuelle Lage zeigt: Die Probleme reichen von billigem Öl über hohe Arbeitslosigkeit bis zur Handelsbilanz.
09.04.2017 14:05
Eines der Probleme in Venezuela: Die hohe Inflation.
Eines der Probleme in Venezuela: Die hohe Inflation.
Bild: Bloomberg

Seit Monaten toben heftige Auseinandersetzungen zwischen Anhängern und Gegnern der sozialistischen Regierung von Staatspräsident Nicolas Maduro in dem erdölreichen Land, das seit 2014 wirtschaftlich im Sinkflug ist. Die Bevölkerung geht angesichts von Versorgungsengpässen auf die Barrikaden. Zugleich muss das Land in diesem Jahr Milliarden für Anleihe-Rückzahlungen aufbringen - sonst droht eine Staatspleite. Nachfolgend ein Überblick über die aktuelle Lage:

Öl

Bis 2014 profitierte Venezuela, das mit 300 Milliarden Barrel über eines der grössten gesicherten Ölvorkommen in der Welt verfügt, von hohen Preisen beim "schwarzen Gold". Die hatten dem inzwischen verstorbenen sozialistischen Präsidenten Hugo Chavez erlaubt, seiner Bevölkerung grosszügige Sozial- und Gesundheitsleistungen zu gewähren. Dann riss der Faden. So sank der Preis für venezolanisches Öl 2015 um 50 Prozent, in den ersten acht Monaten 2016 um weitere 35 Prozent. Auch die Ölfördermenge sackte ab.

Rezession

Mit dem Ölpreis ging auch die Wirtschaft des Landes mit seiner Bevölkerung von gut 30 Millionen Menschen auf Sinkflug. 2014 schrumpfte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) erstmals seit Jahren - um knapp vier Prozent, 2015 dann um sechs bis sieben Prozent. Für das vergangene Jahr veranschlagt die Weltbank den Rückgang auf inzwischen 11,6 Prozent. Und im laufenden Jahr dürfte es noch einmal um gut vier Prozent abwärtsgehen.

Inflation

Eines der massivsten Probleme ist die Inflation. Nach rund 122 Prozent im Jahr 2015 und 476 Prozent 2016 schnellt die Teuerung in diesem Jahr auf voraussichtlich über 1600 Prozent hoch, wie der Internationale Währungsfonds (IWF) schätzt. Selbst der Versuch der Regierung, das Problem mit vielen Geldscheinen praktisch handhabbar zu machen, endete im Desaster.

Begleitet wird das mit einem rasanten Anstieg der Arbeitslosigkeit, die inzwischen nach Zahlen internationaler Experten über 20 Prozent liegt. Ein solches Klima schreckt ausländische Investoren massiv ab.

Staatsfinanzen klappen zusammen

Der rasante Ölpreisverfall zwingt den Staatshaushalt, der zu über 90 Prozent von den Öleinnahmen finanziert wird, in die Knie. Die Folge sind drastische Einsparungen, die die Menschen auf die Strassen treiben. Viele Lebensmittel und Güter des täglichen Bedarfs sind inzwischen Mangelware. Fast kollabiert sind das Gesundheitssystem und viele staatliche Dienste.

Seit drei Jahren liegt das Haushaltsdefizit deutlich über 20 Prozent des BIP. Die Ratingagentur S&P schätzt es für das vergangene Jahr auf 20 bis 25 Prozent. "Es ist wahrscheinlich, dass es 2017 auf einem ähnlichen Niveau liegen wird", erwarten die Experten. Der IWF geht von gut 26 Prozent aus. Über ein Viertel der staatlichen Einnahmen fliesse dieses Jahr womöglich in Zinszahlungen.

Devisenvorräte

S&P schätzt, dass der Staat Ende 2016 noch Reserven von drei bis vier Milliarden Dollar besass. Hinzu kommen Goldreserven, deren Wert unter acht Milliarden Dollar liegen dürfte.

Gläubiger

Das südamerikanische Land hat nach Reuters-Daten derzeit Anleihen im Gesamtvolumen von knapp 110 Milliarden Dollar im Umlauf. Dies entspricht in etwa einem Drittel des BIP. Bis 2019 werden pro Jahr Papiere im Volumen von etwa sechs Milliarden Dollar fällig. 2020 steigt die Summe auf mehr als zehn Milliarden Dollar. In Schieflage ist auch der staatliche Ölkonzern PDVSA, der Haupt-Devisenbringer. Die deutschen Banken sind aber wenig betroffen. Ihre Forderungen gegenüber öffentlichen Haushalten, Banken und Unternehmen lagen laut Bankenverband Ende 2016 bei 475 Millionen Euro - 0,02 Prozent sämtlicher Auslandsforderungen der deutschen Banken.

Handel

Unter dem Eindruck des Ölpreisverfalls schrumpft auch der Aussenhandel Venezuelas: Beliefen sich 2013 die Im- und Exporte zusammengenommen noch auf zwei Drittel des BIP, waren es 2015 nur noch weniger als ein Viertel. 2015 sackten die Einfuhren um mehr als 40 Prozent ab, die Ausfuhren um über 60 Prozent. Wichtigste Öl-Kunden sind die USA und China. Deutschland rangiert unter den Handelspartnern unter ferner liefen mit einem Volumen von Ein- und Ausfuhren von unter 700 Millionen Euro im Jahr 2015.

(Reuters)