Stahlarbeiter protestieren gegen Billigkonkurrenz aus China

(Zusammenfassung)
15.02.2016 16:54

BRÜSSEL (awp international) - Protestgehupe und Fahnenmeer: Vertreter der Stahlbranche und anderer energieintensiver Industrien haben in Brüssel lautstark gegen Konkurrenz durch chinesische Billigimporte demonstriert. "Die Importe kommen nach Europa zu Preisen unter den Produktionskosten - das ist Dumping", sagte der Präsident des europäischen Stahlverbands Eurofer, Greet van Poelvoorde, am Montag. Die EU müsse effektivere Instrumente dagegen entwickeln und diese auch schneller einsetzen. Einer Studie zufolge wird zudem die weltweite Nachfrage nach Stahl langsamer steigen als erwartet - vor allem wegen der schwächelnden Konjunktur in China.

Van Poelvoorde warnte davor, China den Status einer Marktwirtschaft zuzusprechen. Die Unternehmen fürchten, dass dieser Schritt günstigen Einfuhren den Weg nach Europa erleichtern könnte. "Dann können Anti-Dumping-Massnahmen nicht mehr effektiv eingesetzt werden", sagte van Poelvoorde der Deutschen Presse-Agentur.

Tausende Arbeiter und Unternehmensvertreter zogen mit Plakaten wie "Stoppt China Dumping" in einem Protestmarsch durch die Strassen des Brüsseler EU-Viertels. Sie sehen Jobs in den europäischen Industrien durch die billigen Importe aus China in Gefahr. Die chinesischen Betriebe würden teils vom Staat unterstützt, sagte der Sprecher des Industriebündnisses AEGIS, Milan Nitzschke. "Da kann keiner mithalten." AEGIS hatte zusammen mit Eurofer zu der Demonstration aufgerufen. Nach Angaben von Eurofer sind allein in den vergangenen sechs Monaten 7000 Arbeitsplätze in der europäischen Stahlindustrie verloren gegangen.

Die Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers (PwC) legte unterdessen eine Studie vor, wonach sich die weltweite Stahlnachfrage zunehmend abschwächt. Der globale Stahlverbrauch werde bis 2025 um durchschnittlich 2,9 Prozent pro Jahr auf insgesamt 2,23 Milliarden Tonnen zunehmen. Das liegt etwa fünf Prozent unter der Vorjahresprognose von 2,35 Milliarden Tonnen. Der globale Wettbewerb innerhalb der Stahlbranche werde sich vor diesem Hintergrund weiter verschärfen, erwartet PwC-Experte Nils Naujok.

Vertreter zahlreicher Branchen diskutierten die Problematik mit EU-Politikern auf einer Konferenz in Brüssel. "Wir brauchen schnelle und effektive Mittel gegen Dumping", forderte Karl Köhler, Europachef der indischen Tata-Steel. Die Produzenten von Stahl oder Aluminium könnten sonst komplett aus Europa vertrieben werden. "Wenn eine Industrie verschwunden ist, dann kommt sie nicht mehr zurück." Druck kommt auch von den Regierungen zahlreicher EU-Länder: In einem Brandbrief hatten Deutschland und sechs weitere Länder die EU jüngst zum Handeln aufgefordert. Die heimische Industrie müsse gegen "unfaire Handelspraktiken" geschützt werden, hiess es.

Die EU-Kommission erklärte, sie sei sich der Situation des Stahlsektors bewusst und handele so schnell es im Rahmen europäischen Rechts möglich sei. Am Freitag hatte die Brüsseler Behörde bestimmte Stahlerzeugnisse aus China und Russland mit Einfuhrzöllen belegt. Bei drei weiteren Stahlprodukten aus China leitete die Brüsseler Behörde Anti-Dumping-Untersuchungen ein. Dabei soll festgestellt werden, ob ausländische Erzeugnisse in Europa zu einem künstlich niedrigen Preis verkauft werden. Van Poelvoorde kritisierte die Beschlüsse als nicht weitreichend genug. "Das hilft überhaupt nicht, die Zölle sind viel zu niedrig."

Auch die Wiederverwerter von gebrauchtem Stahl klagen über die derzeitige Situation. "Der billige Stahl aus China und der drastische Verfall der Eisenerzpreise sorgen dafür, dass sich die Herstellung von Stahl aus Recyclingmaterial immer weniger rechnet", hiess es bei der Bundesvereinigung Deutscher Stahlrecycling- und Entsorgungsunternehmen (BDSV). Zahlreiche Betriebe hätten bereits angekündigt, Arbeitsplätze abzubauen./rib/DP/jha

(AWP)