Kolumne

Standortwettbewerb - Das kleine Einmaleins der Brosamen-Ökonomie

Was ein guter Standort sein will, muss die Reichen anlocken und die Armen abschrecken. Willkommen in Zeitalter der Brosamen-Ökonomie.
11.09.2017 12:53
Werner Vontobel, Publizist und Buchautor
Das kleine Einmaleins der Brosamen-Ökonomie
Bild: ZVG

Ökonomen reden gerne vom Standortwettbewerb. Tönt irgendwie dynamisch und schmeckt nach "Gürtel-enger-schnallen" und "vollen Einsatz zeigen". Man könnte allerdings auch von der Brosamen-Ökonomie sprechen, denn der Standortwettbewerb ist nicht zuletzt auch ein Kampf um das, was vom Tisch der Reichen runterfällt. Diese Oberschicht  der fünf Prozent Reichsten verfügt inzwischen auch in den westlichen, demokratischen Ländern über rund 80 Prozent des Finanzvermögens und über rund einen Viertel aller Kapital- und Arbeitseinkommen vor Steuern. Zudem ist diese Oberschicht so mobil wie nie zuvor in der Geschichte. Sie hat ebenso wenig einen festen Wohnsitz wie die ärmsten 5  bis 10 Prozent der Bevölkerung, die in Frankreich SDL genannt werden; sans domicile fixe  - ohne festen Wohnsitz.

Diese Kombination hat es in sich. Sie verändert die Grundlagen der Ökonomie und der Wirtschaftspolitik. Was ein guter Standort sein will, muss die Reichen anlocken und die Armen abschrecken. Willkommen in Zeitalter der Brosamen-Ökonomie. Die Schweiz ist in dieser Disziplin Weltspitze. Vermögensverwalter, Patentanwälte  oder Steuerberater kommen locker auf Stundenlöhne von 500 Franken oder mehr. Was ist schon ein Promille von einer Milliarde? Was schert mich eine Million Beratungshonorar, wenn ich 10 Millionen Steuern sparen kann?

Doch auch andere Länder wollen ernten, was vom Tisch der Reichen runterfällt. In den 41 Häfen zwischen Marseille und Menton liegen etwa 800 Yachten vor Anker, die für bis zu 120'000 Euro pro Woche vermietet werden und im Schnitt pro Jahr 2 Millionen Euro umsetzen.  Nach den Berechnungen des Statistischen Amtes INSEE beschäftigt dieser Industriezweig etwa 80'000 Leute, als Kapitäne, Matrosen, Uniformenschneider und Werftarbeiter und ein paar weitere Zehntausende als Spirituosenverkäufer, livrierte Chauffeure, Caterer usw.

Diese Leute kamen kürzlich in "Nice Matin" zu Wort und fordern Paris auf, endlich mit diesem "Holdup" aufzuhören und ihre Jobs zu retten.  Geschehen ist dies: Brüssel hat entschieden, dass jetzt auch Yachtbesitzer Treibstoffzoll, Mehrwertsteuer und Sozialbeiträge für die Angestellten bezahlen müssen. Doch bisher ist Frankreich das einzige Land, das diese Direktive umgesetzt hat.

Für eine der grösseren Yachten heisst das 340'000 Euro mehr für eine Tankfüllung  und 600'000  Euro mehr Personalkosten.  Dann kommen selbst Milliardäre ins Grübeln und auf die Idee, schnell einmal in Barcelona vor Anker zu gehen.

Die Beispiele zeigen auch, wie viel die Reichen bisher gespart haben. Normale Leute zahlen Treibstoffzölle, Mehrsteuer und Sozialbeiträge. Den mobilen Milliardären hat man all dies erlassen und im Gegenzug ein paar Jobs erhalten. Allerdings keine besonders guten: laut INSEE generieren die 80'000 Jobs einen Mehrwert von 1,6 Milliarden Euro, wovon vielleicht 1,2 Milliarden auf Löhne entfallen. Das sind rund 15’000 Euro pro Job. Zwar handelt es sich dabei oft um einen Nebenerwerb  - auf den die Empfänger aber dringend angewiesen sind. Ein Nettosalär von 1500 Euro gilt in dieser Gegend schon als stattlich.

Für die Milliardäre ist das ein Vorteil. Je tiefer das Lohnniveau, desto mehr Leute können sie mit ihren Brosamen beschäftigten und umso länger ist ihr politischer Hebel.

Dieser Hebel war offenbar lang genug, um die Regierungen von Italien und Spanien davon abzuhalten, die Direktive der EU (vorerst) nicht umzusetzen. Jetzt soll auch noch Frankreich weichgeklopft werden. Nice-Matin macht schon mal mit.  Doch was geschieht, wenn Brüssel und Paris hart bleiben, und die Yacht-Besitzer tatsächlich zur Kasse gebeten werden? Werden sie dann nicht mit kleineren Yachten rumfahren, weniger Feste schmeissen und weniger Personal beschäftigen?

Ja, das wird vermutlich genau so passieren.  Doch andererseits kassiert der Staat viel mehr Geld und die verbleibenden Dienstboten der Reichen werden von ihrer Rente leben können, statt auf Staatsgelder angewiesen zu sein oder zu verhungern. Per saldo wird es nicht nur mehr Jobs geben als zuvor, sondern der geschaffenen Mehrwert wird auch intelligenter verteilt – ein paar Tonnen weniger Treibstoff für die Yacht gegen mehr Heizöl und Kalorien für die Armen.

Noch läuft der Karren allerdings anders: So lange die Länder als "Standorte" um die Gunst der Reichen buhlen und Brosamen-Politik betreiben, können sie von einer immer reicheren Oberschicht erpresst werden.

Werner Vontobel

Werner Vontobel ist Redaktor/Autor beim Sonntagsblick und als Kolumnist für diverse Ringier-Medien tätig, so für den «Blick am Abend». Vontobel war als Korrespondent in Brüssel und bei cash, der Weltwoche, beim Tages-Anzeiger und bei der SonntagsZeitung tätig. Vontobel ist Autor von Büchern wie «Schurkenstaat Schweiz?», «So funktioniert die Wirtschaft» oder «Wirtschaft boomt, Gesellschaft kaputt».