Stimmen zur Wahl in Grossbritannien - «Wahlausgang ist ein Votum gegen den harten Brexit»

Bei der Parlamentswahl in Grossbritannien verliert Regierungschefin Theresa May überraschend die absolute Mehrheit. Das sagen Ökonomen und Börsianer zum Ergebnis.
09.06.2017 09:30
Blick über die Themse auf den Uhrturm «Big Ben» in London.
Blick über die Themse auf den Uhrturm «Big Ben» in London.
Bild: Pixabay

Es droht ein politisches Patt, was die anstehenden Brexit-Verhandlungen verzögern und erschweren könnte. Auch Mays politische Zukunft steht in Frage.

Ökonomen und Analysten sagten dazu in ersten Reaktionen:

Clemens Fuest, IFO-Chef:
"Die Terroranschläge, ein wenig überzeugendes Auftreten im Wahlkampf und begrenzte Begeisterung für den 'Hard Brexit' haben Theresa May die absolute Mehrheit gekostet. Die Wahlen haben die Ungewissheit, was die Brexit-Verhandlungen angeht, gesteigert."

Sören Hettler, DZ Bank:
"Die Konsequenzen für die Brexit-Gespräche lassen sich aktuell schwer abschätzen. Bliebe Theresa May an der Macht, wäre lediglich mit einer kurzen, zeitlichen Verzögerung des tatsächlichen Verhandlungsstarts zu rechnen. Eine veränderte Strategie der Briten wäre nicht zu erwarten, schliesslich hat den Tories nicht der Brexit-Kurs die Niederlage beschert, sondern innenpolitische Themen und Fehler im Wahlkampf. Die Chancen auf einen 'Soft Brexit' haben sich damit nicht zwingend erhöht, könnte May doch nun darauf bedacht sein, ihr Profil wieder stärker zu schärfen."

Alexander Krüger, Chefökonom Bankhaus Lampe:
"Premierministerin May hat sich verzockt. Statt ein ‎starkes Wählermandat für die anstehenden Brexit-Verhandlungen zu erhalten, ist derzeit völlig offen, wie die neue Regierung aussehen wird. Klarer kann eine Wählerabfuhr kaum sein, ein Rücktritt Mays wäre konsequent. Denn hinter dem Wahlergebnis steht wohl auch: Viele Briten möchten den Brexit nicht. Auch wenn der Weg noch weit ist: Der Exit vom Brexit ist seit gestern ein ernster Spuk."

Jörg Krämer, Chefökonom Commerzbank:
"Grossbritanniens Premierministerin Theresa May hat bei den Parlamentswahlen eine krachende Niederlage erlitten. Statt ihre Mehrheit im Unterhaus auszubauen, hat sie sie eingebüsst. Es ist völlig offen, wie die nächste britische Regierung aussehen wird, auch Neuwahlen sind möglich. Aber eines ist sicher: Der harte Brexit wurde gestern abgewählt. Damit ist eine Einigung mit der EU auf längere Sicht wahrscheinlicher geworden. Deshalb halten sich die Verluste des britischen Pfunds in Grenzen."

Anton Börner, Präsident des Handelsverbandes BGA:
"Der Schuss ging für Frau May kräftig nach hinten los. Sie hat zu viel riskiert, ihre Taktik ist nicht aufgegangen. Das ist aber überhaupt kein Grund zur Schadenfreude, denn das ist eine schlechte Nachricht für Brüssel. Der Verlust der absoluten Mehrheit vergrössert und verlängert die Unsicherheit über die Modalitäten des Brexit und verkompliziert die ohnehin schwierigen Verhandlungen. Gut möglich, dass die Schwächung der Position von Frau May in Brüssel zu einer noch härteren Gangart in den Verhandlungen führt. Jetzt ist bereits ein Jahr seit dem Referendum vergangen und noch immer nichts geklärt. Das ist schlecht für Grossbritannien und die EU – und das im derzeitigen weltpolitischen Umfeld."

Lutz Karpowitz, Analyst Commerzbank:
"Der Plan von Premierministerin Theresa May ist atemberaubend gescheitert. Sie wollte mit den Neuwahlen eine Bestätigung für ihren Kurs eines harten Brexits. Diesem Kurs aber hat der Wähler nun ganz klar eine Absage erteilt. Nichts können die Briten weniger gebrauchen, als eine langwierige Phase der Regierungsbildung. Immerhin läuft die Frist für den Austritt aus der EU schon. Der Zeitplan ist bereits höchst ambitioniert, wenn nicht gar unrealistisch. Eine weitere Verzögerung ist an dieser Front der absolute Super-Gau."

Martin Wansleben, DIHK-Hauptgeschäftsführer:
"Durch die unklaren Mehrheitsverhältnisse nach den Wahlen in UK steigt die Unsicherheit für die deutsche Wirtschaft. Der Fahrplan für die Brexit-Verhandlungen ist nun Makulatur. Trotzdem sollte die Zukunft der EU-Bürger in UK einer der ersten Verhandlungspunkte sein. Unsere deutschen Unternehmen brauchen eine schnelle Einigung auf den künftigen Status der in Deutschland lebenden Briten und der in UK lebenden EU-Bürger. (...) Ausserdem haben die deutschen Unternehmen ein grosses Interesse daran, dass der Binnenmarkt zusammen und Grossbritannien nach dem Brexit als wichtiger Handelspartner erhalten bleibt. UK ist Deutschlands drittgrösster Exportmarkt, der Trend ist zuletzt jedoch negativ. Nach einem Minus von knapp zehn Prozent im letzten Quartal 2016 sind im ersten Quartal 2017 die deutschen Ausfuhren nach UK um weitere knapp drei Prozent zurückgegangen."

Marcel Fratzscher, DIW-Chef:
"Die Überraschung der britischen Wahlen hat Premierministerin Theresa Mays Hand in den Brexit-Verhandlungen deutlich geschwächt. Die Verluste für Theresa May sind auch eine Absage an ihre harte Haltung in den Brexit-Verhandlungen. Die Wahlen haben das Land weiter gespalten und bedeuten viel verlorene Zeit in den Brexit-Verhandlungen. Die Wahrscheinlichkeit erneuter Wahlen macht Theresa May von Anfang an zu einer 'lame duck' und schadet der Glaubwürdigkeit der britischen Regierung in den Verhandlungen mit der EU. Entscheidend wird nun sein, ob Theresa May eine kompetentere Regierung zusammenstellen kann, die den Streit mit den europäischen Partnern beilegen und grösseren Schaden von Grossbritannien abwenden kann. Grossbritannien wird einen hohen wirtschaftlichen Preis für die Brexit-Entscheidung zahlen, welcher sich durch die Wahlen weiter vergrössern wird."

Michael Hewson, Anlagestratege CMC Markets:
"Was dies für die Brexit-Verhandlungen bedeutet, lässt sich schwer abschätzen. Da aber die Schottische Nationalpartei und die Liberaldemokraten im Binnenmarkt bleiben wollen, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass es gar nicht zum Brexit kommt."

Neil Wilson, Analyst des Brokerhauses ETX Capital:
"Das ist die grösste Sensation in der britischen Politik seit vergangenem Juni." Er sprach von einer "Situation, über die nur wenige Investoren ernsthaft nachgedacht haben. Wenn die Märkte Hinweise darauf bekommen, dass die neue Regierung - gleich welcher Couleur - auf einen sanfteren Brexit hinsteuert, könnte das Pfund dank besserer Aussichten für das Wirtschaftswachstum zulegen." Anleger wetteten auf den Labour-Chef Jeremy Corbyn alsl nächstem Premierminister.

Dennis Snower, Präsident Institut für Weltwirtschaft (IFW):
"Dass die Konservative Partei Theresa Mays Sitze im Parlament und offenbar sogar die absolute Mehrheit verliert, ist eine Überraschung. Der Wahlausgang ist die Quittung für Theresa Mays populistische Parolen, ihre fehlende Brexit-Strategie und ihre allein aus Machtkalkül angesetzten Neuwahlen. Der Wahlausgang ist auch ein Votum gegen den harten Brexit, den May lautstark propagierte, der aber nie Gegenstand des ursprünglichen Brexit-Votums war und über dessen Gewinne und Verluste May die Bevölkerung im unklaren lies. Wer auch immer Premierminister wird, sollte das britische Volk ein zweites Mal über den Brexit abstimmen lassen, wenn alle Details verhandelt und die konkreten Folgen abschätzbar sind."

Ulrich Stephan, Chef-Anlagestratege Deutsche Bank:
"Theresa Mays Plan ist nicht aufgegangen: Bei hoher Beteiligung versagten ihr die britischen Wähler eine stärkere Rückendeckung für ihren harten Brexit-Kurs. Nun steht die Konservative womöglich ohne eigene Mehrheit da – wenige Tage, bevor die EU-Austrittsverhandlungen starten."

Ric Spooner, Chef-Analyst vom Broker CMC Markets:
"Zu diesem Zeitpunkt ist es völlig unklar, welche Auswirkungen das Wahlergebnis auf die Brexit-Verhandlungen haben wird. Viel wird davon abhängen, wer der neue Premierminister sein wird. Eine geringere Mehrheit der Konservativen könnte den Brexit-Hardlinern innerhalb der Regierung ein grösseres Gewicht geben. Bei einer Koalitions-Regierung könnte das Gegenteil der Fall sein, das würde ein stärkeres Gewicht für moderate, globalisierungsbefürwortende Kräfte bedeuten."