Stimmrechtsberater und Banken gegen Transparenzregel von SIX

Der weltgrösste Stimmrechtsberater ISS wehrt sich gegen die Offenlegung ihrer Doppelrolle bei Firmen. Widerstand gegen die von Schweizer Börse SIX geplante Transparenzrichtline leistet auch die Bankiervereinigung, allerdings aus anderen Gründen.
25.08.2017 16:57

Stimmrechtsvertreter haben die letzten Jahre die Führungsetagen von kotierten Firmen unter Druck gesetzt und die Unternehmen an die kurze Leine genommen. Jetzt blüht diesen sogenannten Proxy Adivsors in den USA und Europa dasselbe.

In der Schweiz will die Börse SIX sie mit einer neuen Richtlinie zu mehr Transparenz verpflichten. Stimmrechtsberater, allen voran die internationale ISS, gerieten hierzulande in der letzten Generalversammlungssaison wegen ihrer Doppelrolle verstärkt unter Beschuss.

Denn bei einigen Firmen berät ISS nicht nur deren institutionelle Investoren bei der Ausübung ihrer Stimmrechte. Sondern ist bei denselben Firmen als Beraterin zu Corporate Governance tätig. Es gab Vorwürfe, dass ISS GV-Anträge ablehnte und Unternehmen dann die eigene Beratung anpries - respektive, dass ihre Stimmrechtsempfehlungen käuflich wären.

NUTZEN DER TRANSPARENZ UMSTRITTEN

Die SIX will die Richtlinie im laufenden Quartal publizieren, wie SIX-Sprecher Julian Chan auf Anfrage der sda sagte. ISS wehrt sich gegen die geplante Offenlegung, wie aus der Vernehmlassungsantwort von ISS hervorgeht, die der sda vorliegt.

Dort betont ISS, es gebe eine strikte Trennung zwischen der Stimmrechtsberaterin ISS und ihrer beratenden Tochter ISS Corporate Solutions (ICS).

ISS warnt, dass die Offenlegung dazu führe, dass die Stimmrechtsexperten erst recht Informationen über die Firmen, die die Tochter ICS berate, erhielten. "Damit würde unser Ziel untergraben, dass die Forschungsteams nichts über die Identität der ICS-Kunden erfahren", teilt ISS in dem Schreiben an die SIX mit.

Die Vorwürfe, Unternehmen mit negativen Stimmrechtsempfehlungen unter Druck zu setzen, um Beratungsmandate zu erhalten, weist ISS vehement zurück. ISS deckt mit seinen Aktionärsempfehlungen rund 13'000 Unternehmen weltweit ab. Rund 1600 Fonds, Pensionskassen und Vermögensverwalter folgen den Empfehlungen.

BANKIERS HABEN NICHTS ÜBRIG FÜR REGEL

Widerstand gegen die SIX-Transparenz-Regel, die auch Lex ISS genannt wird, kommt auch von anderer Seite. Die Schweizerische Bankiervereinigung (SBVg) betont in ihrer Vernehmlassungsantwort, es gehe nicht an, die Offenlegungspflicht den Unternehmen (Emittenten der Aktien) zu übertragen.

Die Frage der Unabhängigkeit und Offenlegung solle an der Stelle gelöst werden, wo sie entstehe - nämlich bei den Proxy Advisors, heisst es weiter.

Die Schweizer Anlagestiftung Ethosfund dagegen begrüsst die Transparenzregel, fordert aber, dass zusätzlich auch die Art des Beratungsmandats ausgewiesen werden soll. Darüber hinaus soll Stimmrechtsberatern untersagt werden, Beratungen zu Themen anzubieten, zu welchen sie Stimmempfehlungen der betreffenden Gesellschaften machten.

GRÖSSE BRINGT VERANTWORTUNG

Mit der Transparenz-Regel der SIX befasst, hat sich auch Rechtsanwältin Mariel Hoch, Partnerin der Anwaltskanzlei Bär & Karrer AG in Zürich. "Aufgrund der Bedeutung internationaler Stimmrechtsberater für Unternehmen ist die geplante Offenlegung der Doppelrolle und Beratung gerechtfertigt", sagte sie auf Anfrage.

Experten sind sich einig, dass es künftig nicht ruhiger wird um die Stimmrechtsberater in der Schweiz. Rund jede dritte Stimme an Generalversammlungen von Publikumsgesellschaften wird schon heute durch einen Proxy Advisor beeinflusst. Führend ist hierzulande ISS mit 20 Prozent der Stimmen, gefolgt von Glass Lewis (10 Prozent), Ethos (4 Prozent), zRating (2 Prozent) und Swipra (2 Prozent).

"Stimmrechtsberater werden immer wichtiger im Gefüge der Aktionärsdemokratie, ihr Einfluss an Generalversammlungen nimmt weiter zu", sagt Lorenzo Olgiati, Leiter Mergers & Acquisitions bei der Kanzlei Schellenberg Wittmer.

SWIPRA ENTLEDIGT SICH DER DOPPELROLLE

Am Freitag wurde auch bekannt, dass die Stimmrechtsberaterin für institutionelle Anleger, Swipra, ab 2018 auf eine breite Abdeckung von Abstimmungsempfehlungen für GV verzichtet. Sie will sich künftig stärker als Beraterin einsetzen.

Laut Swipra-Geschäftsführerin Barbara Heller steht der Verzicht nicht im Zusammenhang mit der neuen Transparenz-Regel. Allerdings betonte sie: "Um in der Corporate Governance ein Veränderung herbeizuführen reicht es nicht, mit den Firmen nur im Hinblick auf Generalversammlungen einen Dialog zu führen."

cf/

(AWP)