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Stoppt die Bargeldabschaffer

Die Finanzrepression schreitet weiter voran. Ökonomen fordern Zentralbanken dazu auf, das Bargeld abzuschaffen. Das könnte üble Konsequenzen für den Bürger haben.
08.06.2015 00:01
Von Daniel Hügli, Chefredaktor cash
Daniel Hügli, Chefredaktor cash.
Daniel Hügli, Chefredaktor cash.
Bild: cash

Noch vor etwa 50 Jahren konnte man in Geschäften in den USA problemlos eine 100-Dollar-Note verwenden. Heute wird man in New York schon schief angeschaut, wenn man Kleinigkeiten mit einer 20-Dollar-Note bezahlen will.

Im September schraubt Frankreich die Summe, welche Konsumenten bar bezahlen können, von 3000 Euro auf 1000 Euro herunter. In Italien liegt die Grenze heute schon dort. Schweden hat den Bargeldbesitz bereits drastisch eingeschränkt. In Dänemark sollen Geschäfte von Gesetzes wegen nicht mehr verpflichtet sein, Bargeld zu akzeptieren. Begründet wird all dies mit dem Kampf gegen die Finanzierung des Terrorismus, der Eindämmung von Drogenhandel, Schwarzmarkt, Schwarzhandel, Banküberfällen oder Steuerhinterziehung.  

Auch die fast zehn Jahre dauernde Finanzkrise gibt den Bargeldabschaffern Auftrieb. Eine merkwürdige Ansammlung von Top-Ökonomen mit unterschiedlicher Ideologischer Prägung wie Kenneth Rogoff, Larry Summers oder Peter Bofinger promoten die "Cashless Society". Der Beweggrund dazu: Krisen fördern das Bargeld-Horten, was den wirtschaftlichen Aufschwung behindert. Daher müssen Noten und Münzen weg. Wahlweise kommt auch der Vorschlag, grosse Banknoten zu stückeln, um dem Horten von Geld entgegenzuwirken - was in den USA schon geschehen ist. 

Es sind in der Tat schwere Zeiten für Bargeldverfechter. Bargeld ist per se schon mal verdächtig. Und wer in einer vernetzten Welt Kritikpunkte am bargeldlosen Zahlungsverkehr anbringt, ist sowieso total retro. Mit dem üblichen Überwachungsargument "Wer nichts zu verbergen hat, der hat nichts zu befürchten" werden Bargeld-Befürworter weiter in die Schranken gewiesen. 

Doch sind die Bargeldverfechter nun alle potenzielle Steuerhinzerzieher, Schwarzarbeiter oder Terroristen? Haben sie tatsächlich etwas zu verbergen? So einfach ist es nicht. Schon das Argument von Terrorbekämpfung durch Cash-Verbot ist äusserst fragwürdig. Das organisierte Verbrechen und die Schattenwirtschaft funktionieren fraglos auch ohne Franken, Euro oder Dollar in Münzen oder Noten. 

Doch weshalb sollte Bargeld weiter als Zahlungsmittel gelten? Es fängt beim Kleinen an. Ein Bargeld-Verbot freut all die Kreditkartenfirmen und sonstigen Kartenherausgeber. Auf Konsumenten käme eine wahre Gebührenlawine zu. Der Bürger tritt mit der Abschaffung von Bargeld zudem umfangreiche Freiheiten ab. Alle Vermögensverwaltungs- und Alltagsgeschäfte werden voll transparent, weil sie alle elektronisch erfasst sind. Soll die Bank, der Staat, die Familie erfahren, was und wo man den lieben langen Tag gekauft und ausgeben hat?

Womit wir beim Staat wären: Die Bargeld-Abschaffung fördert den Erfindergeist der Behörden für neue Steuern. Warum nicht eine Spielsteuer einführen, um ein Beispiel zu nennen? Wenn zwei Freunde untereinander elektronisch eine Champions-League-Wette von 20 Franken abschliessen, fielen locker 50 Rappen für die Staatskasse ab.

Schlimmer aber, und jetzt wirds richtig ernst, ist der Verlust der Vermögenshoheit des Bürgers über sein Konto. Das virtuelle Geld liegt zentral bei einer Bank und kann im Krisenfall blockiert oder eingezogen werden. Blosse Panikmache? Nein. Vor zwei Jahren mussten in Zypern Knall auf Fall Privatanleger dafür bluten, damit der Staat eine Bank retten konnte. 

Nicht von ungefähr kommen die Argumente der "Cashless Society"-Vertreter nun vermehrt wieder in einer Zeit, in welcher wir fast zehn Jahre Finanzkrise schreiben und sich der Eindruck verhärtet, dass Regierungen und Zentralbanken bei der Bewältigung der Schuldenkrise mit dem Latein am Ende sind. wir sind in einer Zeit, in der Bargeld die Politik der Zentralbanken zunehmend behindert.

Negativzinsen, wie diejenigen der Schweizerischen Nationalbank, sind nur wirksam, wenn nicht Übermengen Bargeld gehortet wird. Doch genau dieser Trend besteht in einer Welt von Null- Und Negativzinsen. Notabene nicht bloss von Sparern, sondern auch von Pensionskassen und Versicherungen. Negativzinsen sind somit nur wirksam, wenn so wenig Bargeld wie möglich im Umlauf ist. Dann können auch Negativzinsen beliebig erhöht werden.

Die Finanzrepression kann aber so richtig übel werden, falls die Regierungen die Schuldenkrise vollends nicht in den Griff kriegen. Der internationale Währungsfonds dachte vor zwei Jahren daran, dass man zehn Prozent der gesamten Vermögen in Europa besteuern sollte, um die Staatsschulden zu reduzieren. Eine einfache Sache, falls alles Geld auf Konten gelagert und kein Bargeld mehr im Umlauf ist.

Das Bargeld, seit 3000 Jahren Inbegriff von bürgerlicher Freiheit, muss sich dem totalen Zugriff des Staates entziehen können. Und getreu der liberalen Grundwerte eines Rechtsstaates sollte weiterhin gelten: Jeder und jede soll bezahlen können, wie er oder sie will.