Streit um Brexit-Abkommen: Druck auf Theresa May wächst

(Ausführliche Fassung) - Während die Brexit-Verhandlungen in Brüssel in ihre Schlussphase gehen, wächst in London immer stärker der Widerstand gegen die Verhandlungsführung der Regierung. Es scheint zunehmend fraglich, ob Premierministerin Theresa May im Parlament eine Mehrheit für ein Abkommen mit Brüssel finden kann.
09.11.2018 19:33

May ist im Parlament auf die Unterstützung der nordirisch-protestantischen DUP angewiesen. Doch die DUP-Chefin Arlene Foster erklärte am Freitag, sie könne ein Abkommen auf Grundlage der derzeitigen Vorschläge nicht unterstützen. Sie befürchtet, der Deal mit Brüssel könnte Grenzkontrollen zwischen Nordirland und dem Rest des Vereinigten Königreichs bedeuten. Das will die DUP unbedingt verhindern.

Zudem trat der Bruder des ehemaligen Aussenministers Boris Johnson, Jo Johnson, am Abend aus Protest gegen die Brexit-Strategie der Regierung von seinem Amt als Staatssekretär für Verkehr zurück. "Was jetzt vorgeschlagen wird, hat nichts mit dem zu tun, was vor zwei Jahren versprochen wurde", schrieb Jo Johnson. Das geplante Abkommen ordne Grossbritannien der EU dauerhaft unter. Er forderte eine erneute Volksabstimmung über den Brexit.

Anders als sein älterer Bruder wünschte sich Jo Johnson einen Verbleib des Landes in der EU. Boris Johnson hatte bereits im Juli im Streit um die Brexit-Strategie der Regierung sein Amt als Aussenminister niederlegt, weil er einen klareren Bruch mit Brüssel fordert.

Grossbritannien tritt am 29. März 2019 aus der EU aus. Die Verhandlungen über den Austrittsvertrag sind weitgehend abgeschlossen. Noch fehlt aber eine Einigung über die Frage, wie nach dem Brexit Grenzkontrollen zwischen dem britischen Nordirland und dem EU-Mitglied Irland verhindert werden können. Brüssel hat einen Notfallplan (Backstop) für die Irland-Frage zur Bedingung für ein Austrittsabkommen und die etwa zweijährige Übergangsphase gemacht, in der sich so gut wie nichts ändern soll.

Sollte ein Abkommen nicht rechtzeitig zustande kommen, drohen Chaos in vielen Lebensbereichen und erhebliche Schäden für die Wirtschaft zu beiden Seiten des Ärmelkanals.

Die britische Regierung hofft derzeit auf einem baldigen Durchbruch bei den Verhandlungen in Brüssel - auch gegen den Widerstand im Inneren. Das könne eine "neue Dynamik" im Parlament in London bewirken, sagte Vize-Premierminister David Lidington am Freitag bei einer Pressekonferenz nach Gesprächen mit dem irischen Premierminister Leo Varadkar und anderen Regierungschefs auf der Isle of Man. "Ich hoffe und glaube, dass wir eine Mehrheit im Parlament für das Abkommen bekommen können", fügte Lidington hinzu.

Die Regierung will die Abgeordneten bei einer Abstimmung vor die Wahl stellen, für das Abkommen der Regierung zu stimmen oder einen chaotischen Austritt aus der EU in Kauf zu nehmen. Es könnte dabei auf wenige Stimmen ankommen. Auch einige Abgeordnete aus den Reihen der Konservativen Regierungspartei drohen mit Meuterei. Auf die Unterstützung von Oppositionsabgeordneten darf Premierministerin May nur sehr eingeschränkt hoffen./cmy/DP/fba

(AWP)