Swissgrid erreicht Belastungsgrenze - EU-Stromabkommen dauert wohl noch Jahre

(Durchgehend neu und ergänzt nach Medienkonferenz) - Swissgrid hat erneut einen Winter mit grossen Herausforderungen hinter sich gebracht. Wie bereits im Vorjahr war die Energie- und Netzsituation auch in den kalten Monaten 2016/17 wieder angespannt, erläuterten die Verantwortlichen beim nationalen Übertragungsnetzbetreiber an einer Medienkonferenz am Donnerstag.
06.04.2017 13:28

Die Netzsituation war wegen Ausfällen von französischen Kernkraftwerken sowie einer Kältewelle im Januar 2017 in mehreren Ländern Europas schwierig, was eine erhöhte Koordination mit den benachbarten Übertragungsnetzbetreibern erfordert habe. Als Vorteil erwies sich dabei, dass die Schweizer Importkapazität diesen Winter - nach technischen und marktseitigen Massnahmen - deutlich höher war.

Insgesamt zeige sich, dass es immer anspruchsvoller und komplexer wird, das Übertragungsnetz sicher zu betreiben, sagte Swissgrid-CEO Yves Zumwald. Hohe Stromtransite durch die Schweiz, ungeplante Lastflüsse und beschränkte Grenzkapazitäten brächten die Netzinfrastruktur an ihre Belastungsgrenze.

ENGPÄSSE IM ÜBERTRAGUNGSNETZ

Engpässe im Schweizer Übertragungsnetz müssten daher dringend beseitigt werden, mahnte Zumwald. Man habe zwar 2016 durchaus Fortschritte bei Verfahren erzielt und auch Baubewilligungen erhalten. Dennoch sei die Umsetzung der Netzbauprojekte in Verzug. Wichtige Ausbauvorhaben seien durch langwierige Verfahren und Einsprachen verzögert oder gar blockiert.

In der Theorie soll der Bau einer Leitung 14 Jahre andauern, aber in der Realität dauere es viel länger, so Zumwald. Als Beispiel nannte er das Projekt Chamoson-Chippis, dessen Anfänge bereits auf das Jahr 1986 zurückgehen: Die Freileitung sei wegen Einsprachen seit Jahren sistiert. Auch sei die geplante Energiestrategie 2050 nur umsetzbar, "wenn wir die Netzinfrastruktur haben".

Nicht voran kommen indes nach wie vor die Verhandlungen über ein Stromabkommen mit der EU. Es dürfte seiner Ansicht nach noch einige Jahre dauern, so Zumwald. Seit der Annahme der Masseneinwanderungsinitiative waren die Verhandlungen zum Abkommen ausgesetzt, und Swissgrid arbeitet an bilateralen technischen Übergangslösungen. Denn die Schweiz ist bereits heute bei wichtigen Projekten im Zusammenhang mit der europäischen Marktkopplung, dem gleichzeitigen Handel von Strom und Netzkapazität an den Grenzen innerhalb der EU, aussen vor.

Allerdings hat sich Bundespräsidentin Doris Leuthard mit EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker just am Donnerstag über die "Deblockierung aller Dossiers" geeinigt, und es sollen nun wieder Gespräche aufgenommen werden.

Mit Blick auf das Geschäft im Gesamtjahr 2016 zeigt sich Swissgrid derweil zufrieden und spricht von einem erfreulichen Ergebnis. "Mit der weiteren Konsolidierung unserer Aktivitäten haben wir eine solide Ausgangslage geschaffen, um die künftigen Herausforderungen zu bewältigen", so Zumwald.

EBIT STEIGT MIT HÖHEREM BETRIEBSNOTWENDIGEN VERMÖGEN

Swissgrid ist im Zuge der Schweizer Strommarktliberalisierung entstanden: Das Stromversorgungsgesetz sieht die Entflechtung (Trennung von Netzbetrieb und Produktion) vor, womit die Gesellschaft 2006 den operativen Betrieb aufgenommen hat. Anfang 2013 wurde bereits der Grossteil des Höchstspannungsnetzes von den bisherigen Eigentümern - den Stromunternehmen - übertragen.

2016 hat Swissgrid deutlich mehr in den Netzausbau investiert: Die Gesamtinvestitionen stiegen 37% auf 212,7 Mio. Der Betriebsaufwand konnte unterdessen stabil gehalten werden.

Der EBIT stieg um 3% auf 158,0 Mio CHF - wegen der per Anfang 2016 übernommenen Netzanlagen sowie Investitionen in Anlagevermögen, was zu einem höheren betriebsnotwendigen Vermögen geführt hat. Der EBIT von Swissgrid ist gesetzlich definiert und berechnet sich aus eben diesem betriebsnotwendigen Vermögen (Regulated Asset Base) und dem vom Bund definierten Kapitalkostensatz (WACC) zuzüglich Ertragssteuern. Mit 91,9 Mio CHF resultierte unter dem Strich ein um 4,4% höheres Unternehmensergebnis als im Vorjahr.

Im laufenden Jahr dürfte derweil in etwa auf dem Niveau von 2016 in das Übertragungsnetz investiert werden. EBIT und Unternehmensergebnis würden hingegen wegen eines tieferen WACC von 3,83% (2016: 4,70%) deutlich niedriger zu liegen kommen.

Für die Jahre 2018 bis 2021 erwartet Swissgrid einen EBIT von jeweils rund 120 Mio CHF. Das Unternehmensergebnis dürfte wegen rückläufiger Finanzierungskosten dann wieder steigen und bei rund 70 bis 80 Mio CHF liegen. Für das betriebsnotwendige Vermögen rechnet Swissgrid für die Jahre 2017 bis 2021 mit einem mehr oder weniger stabilen Wert von 2,8 Mrd CHF.

ys/cp

(AWP)