Taliban töten mehr als 140 afghanische Soldaten

Nach dem verheerenden Angriff islamistischer Taliban auf eine Militärbasis mit weit über hundert Toten und vielen Verletzten hat Afghanistan am Sonntag einen Tag der Trauer ausgerufen. Landesweit gab es Trauerbeflaggung, mit Gebeten wurde der Opfer gedacht.
23.04.2017 13:58

Man wolle "den ehrenwerten und tapferen muslimischen Soldaten Tribut zollen, die während des Freitagsgebets zu Märtyrern geworden" seien, erklärte das Präsidialamt in Kabul in der Nacht zum Sonntag über Twitter.

In sozialen Netzwerken machten viele Afghanen ihrer Wut Luft. "Wer wird nach dem Desaster von Masar zurücktreten? Der Verteidigungsminister, der Vizeminister oder irgendein kleiner Mann?", fragte der politische Beobachter "Badloon" im Kurzbotschaftendienst Twitter.

"Die beste Art, (die Toten) zu ehren, ist, diejenigen zu bestrafen, die mit dem Feind kooperiert haben: ein paar Verantwortliche müssen gehen", forderte ein anderer Nutzer. "Wir brauchen keinen nationalen Trauertag", lautete ein weiterer Kommentar. "Was macht die Regierung, um solche Gräueltaten zu verhindern?"

Präsident Aschraf Ghani hatte am Samstag den Stützpunkt bei Masar-i-Scharif in der Nordprovinz Balch besucht, der von Taliban-Kämpfern angegriffen worden war.

ZAHL DER TOTEN UNKLAR

Über die Zahl der Todesopfer gab es auch zwei Tage danach keine klaren Angaben. Das Verteidigungsministerium in Kabul sprach von mehr als 100 Toten oder Verletzten. In Regierungskreisen hiess es, mindestens 140 Soldaten seien getötet worden. Mindestens 160 Soldaten wurden zudem verletzt.

Ein Sprecher der Taliban sprach von bis zu 500 getöteten Soldaten. Der Angriff sei Vergeltung für die Tötung mehrerer ranghoher Rebellenführer, sagte der Taliban-Sprecher. Vier ihrer Kämpfer hätten als frühere Soldaten der Kaserne gute Ortskenntnisse gehabt.

Einem afghanischen Militärvertreter zufolge kamen die Angreifer in afghanischen Uniformen mit Militärfahrzeugen und falschen Papieren in die Kaserne. Zehn Angreifer erschossen bei der Moschee und der Kantine des Stützpunktes die unvorbereiteten Soldaten; sie wurden anscheinend erst nach einem stundenlangen Gefecht selbst getötet.

MITGEFÜHL AUS DEUTSCHLAND

Die deutsche Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen sagte der "Bild am Sonntag": "Der Anschlag bestärkt uns in der Entschlossenheit, die afghanische Bevölkerung weiter darin zu unterstützen, eigene Sicherheitskräfte in ihrem Land auszubilden und dem Terror die Stirn zu bieten." In Masar-i-Sharif betreibt die deutsche Bundeswehr ein grosses Feldlager.

Bundeskanzlerin Angela Merkel sprach in einem Brief an Ghani von einem "hinterlistigen, brutalen Angriff" und erklärte ihr Mitgefühl für die Verletzten und Angehörigen der Opfer. Deutschland stehe an der Seite derjenigen, die sich "gegen den Terror wenden und für eine friedliche, demokratische Zukunft ihres Landes einsetzen", schrieb Merkel.

Die Europäische Union wirbt derweil für eine "umfassende friedliche" Lösung des Afghanistankonfliktes. Die EU-Aussenbeauftragte Federica Mogherini liess zu dem Taliban-Angriff erklären, sie habe sich in den vergangenen Tagen in Peking und Indien für ein Engagement regionaler Akteure für den Frieden in Afghanistan ausgesprochen.

Dies werde sie kommende Woche auch beim russischen Aussenminister Sergej Lawrow tun. Moskau hatte Mitte April eine Afghanistan-Konferenz organisiert, zu der China, Indien, Pakistan und der Iran kamen, aber nicht die USA.

(AWP)