«Thomas Jordan kann erst mal durchatmen»

Die Schweizerische Nationalbank belässt die Negativzinsen in der Schweiz auf dem derzeitigen Stand. Die Handlungsbereitschaft für die SNB ist in den letzten Monaten gesunken.
15.09.2016 10:20
Von Daniel Hügli
SNB-Präsident Thomas Jordan gibt einem TV-Team Auskunft.
SNB-Präsident Thomas Jordan gibt einem TV-Team Auskunft.
Bild: cash

Die Leitzinsen in der Schweiz bleiben bei minus 0,75 Prozent. Das gab die Schweizerische Nationalbank (SNB) am Donnerstagmorgen anlässlich ihrer vierteljährlich stattfindenden geldpolitischen Lagebeurteilung bekannt. Gleichzeitig wiederholte die SNB ihre Bereitschaft, falls nötig an den Devisenmärkten zu intervenieren.

"Der Negativzins und die Bereitschaft der Nationalbank, am Devisenmarkt einzugreifen, dienen dazu, Anlagen in Schweizer Franken weniger attraktiv zu machen und so den Aufwertungsdruck auf den Franken zu verringern", schreibt die SNB in einem Communiqué. Der Franken sei nach wie vor deutlich überbewertet.

Der Zins-Entscheid war im Markt erwartet worden, nachdem die Europäische Zentralbank in der letzten Woche am Zinsgefüge im Euroraum nicht gerüttelt hatte. Der Entscheid der EZB letzte Woche führte tendenziell zu einer leichten Abwertung des Frankens zum Euro, weshalb die SNB nun keinen Handlungsbedarf sah.

Der Franken schwächt sich nach dem Zinsentscheid der SNB am Donnerstag weiter ab, nämlich von 1,0948 bis auf 1,0963 pro Euro ab. Zuletzt notierte das Währungspaar bei 1,0955.

SNB zuletzt unter Druck

Die SNB kam in letzter Zeit wegen der Negativzinsen, die seit Januar 2015 Bestand haben, vor allem von Seiten von Interessenvertretern der Banken unter Druck, da Negativzinsen den Erträgen von Banken und Versicherungen zunehmend abträglich sind. Auch Pensionskassen und Sparer gehören zu den Benachteiligten.

Für die SNB überwiegen aber die Vorteile. Ohne Negativzinsen wäre der Franken heute deutlich stärker, sagte Andréa Maechler, Direktionsmitglied der SNB, vor drei Wochen in einem Interview. Maechler liess damals durchblicken, dass die Zinsen wegen des internationalen Umfeldes noch eine Weile unter Null bleiben dürften. Die Finanzmärkte erwarteten in Grossbritannien und in der Eurozone eine weitere Lockerung der Geldpolitik und in den USA gehe die Erhöhung der Zinsen auch nur sehr langsam voran, weshalb die Zinsen auf absehbare Zeit global tief blieben. "So lange dies der Fall ist, hat die SNB kaum Spielraum, die Zinsen zu erhöhen."

Seit Januar 2015 müssen Finanzinstitute ab einem gewissen Betrag einen Strafzins von 0,75 Prozent zahlen, wenn sie Geld bei der SNB lagern. Die SNB hatte die Negativzinsen eingeführt, um eine gewisse Zinsdifferenz zum Ausland zu erhalten und so Franken-Anlagen unattraktiver zu machen.

BIP-Prognosen leicht erhöht

Für die Schweiz erhöht die SNB ihre BIP-Prognose für das laufende Jahr auf "rund 1,5%" (bisher: "rund 1 bis 1,5%"). So deuteten die revidierten Quartalsschätzungen für das Bruttoinlandprodukt auf eine etwas stärkere Wiederbelebung der Schweizer Wirtschaft seit Mitte letzten Jahres hin, heisst es zur Begründung. Allerdings bleibe die Auslastung der Produktionskapazitäten insgesamt unbefriedigend. Und in der zweiten Jahreshälfte dürfte das Wachstum laut der SNB bescheidener ausfallen als im ersten Halbjahr.

"Thomas Jordan kann nach dem guten Wachstum im zweiten Quartal erst einmal durchatmen. Die eidgenössische Wirtschaft findet sich langsam mit dem starken Franken ab", sagt Thomas Gitzel, Ökonom bei der VP Bank, zu Reuters. Vollkommen grünes Licht könne aber noch nicht gegeben werden, denn in vielen Unternehmen könne die Wettbewerbsfähigkeit nur mit einem Margenverzicht gehalten werden. Aus diesem Grund werde Jordan sehr wachsam bleiben und vor allem die internationale Entwicklung genau verfolgen. Eingriffe am Devisenmarkt blieben dabei das bevorzugte Mittel. "Per saldo ist aber die gute Nachricht: Der Handlungsdruck auf die eidgenössischen Währungshüter ist gesunken", so Gitzel weiter.

Die Risiken für die Weltwirtschaft bleiben jedoch laut SNB bestehen. Die Entscheidung Grossbritanniens für einen Austritt aus der Europäischen Union habe beachtliche Unsicherheit ausgelöst und macht die Einschätzung der globalen Konjunkturaussichten schwieriger. Im Inland bleiben gemäss Einschätzung der Nationalbank zudem die Ungleichgewichte auf dem Hypothekar- und Immobilienmarkt nach wie vor bestehen.

Die Inflationsprognosen für die Schweiz wurden gegenüber Juni nur leicht verändert. Für 2016 wird die Inflation unverändert bei -0,4% gesehen, für 2017 bei +0,2% (bisher: +0,3%) und für 2018 bei +0,6% (bisher: +0,9%). Die bedingte Inflationsprognose beruht wie immer auf der Annahme, dass der Dreimonats-Libor über den gesamten Prognosezeitraum unverändert bleibt.

(Mit Material von AWP)