Thomas Jordan - SNB-Direktor warnt vor «gefährlichem Experiment Vollgeld»

Nationalbank-Präsident Thomas Jordan hat vor Vollgeld als einem unnötigen und gefährlichen Experiment gewarnt.
04.05.2018 07:03
Thomas Jordan, Direktionspräsident der Schweizerischen Nationalbank (Nov. 2017).
Thomas Jordan, Direktionspräsident der Schweizerischen Nationalbank (Nov. 2017).
Bild: Bloomberg

Zur Sicherung der Finanzstabilität gebe es bessere Instrumente als das Vollgeld, sagte er rund einen Monat vor der Abstimmung über die Vollgeld-Initiative Eine negative Folge eines Vollgeld-Systems wäre die Beeinträchtigung der Realwirtschaft über die Kreditvergabe, sagte Jordan am Donnerstag anlässlich der Feier zum 50-jährigen Bestehen des Instituts für Banken und Finanzen der Universität St. Gallen.

Statt auf Sichtguthaben zurückgreifen zu können, müssten die Banken stattdessen Liquidität aus anderen Quellen beziehen, führte der Präsident der Schweizerischen Nationalbank (SNB) aus. Eine wichtige Quelle wären Spargelder. Da diese aber mehr kosteten als Sichteinlagen, verteuerten sich Kredite in einem Vollgeldsystem.

Nachteile für Sparer

Auch Sparer hätten laut Jordan das Nachsehen, weil ihre Sichtguthaben auf den sogenannten Vollgeldkonten nicht verzinst und die Dienstleistungen teurer würden. "Vollgeld wäre wie Sand im Getriebe unseres Kreditwesens", warnte Jordan weiter.

Die Banken könnten weniger flexibel auf die Kreditnachfrage reagieren, was den Konsum, die Investitionen und letztlich den Wohlstand in der Schweiz mindern würde.

Was meint das Initiativ-Komitee des Vollgeldes? Hier zum cash-Interview mit Initiant Reinhold Harringer

Darüber hinaus zeigte Jordan auf, wie Vollgeld die Umsetzung der Geldpolitik erschweren würde. Eine Geldpolitik wie während der jüngsten Finanzkrise würde in einem Vollgeldsystem sehr schwierig.

Damals habe die SNB in sehr kurzer Zeit sehr viel Geld geschaffen, zuerst um die Liquidität im Bankensystem zu sichern und danach um dem massiven Aufwertungsdruck auf den Franken entgegenzuwirken. Dadurch habe sich die SNB-Bilanz markant verlängert.

Geldpolitik würd eingeschränkt

In einem Vollgeldregime hätte die SNB wohl nicht so entschieden reagiert, schätzt Jordan. Denn einmal geschaffene Liquidität könne im Vollgeldsystem kaum mehr reduziert werden und deshalb später zu erhöhter Inflation führen.

Doch eine schwächere geldpolitische Reaktion hätte bedeutet, dass die negativen Folgen der Krise für die Realwirtschaft deutlich grösser gewesen wären. Zudem sei es fraglich, das Vollgeldsystem die Instrumentarien der SNB überhaupt zuliessen.

"Devisenmarktinterventionen, die in der Bekämpfung der Überbewertung des Frankens eine zentrale Rolle gespielt haben, wären unter Vollgeld nämlich nicht erlaubt", sagte Jordan weiter. Wenn die SNB interveniere, tausche sie neue Franken gegen Devisen. Das Geld würde also nicht verschenkt wie es die Initiative verlangt. Die im Rahmen von Devisenmarktinterventionen erfolgte Geldschöpfung wäre auch nicht "schuldfrei".

Interessenkonflikt

Die zusätzlichen Aufgaben, die die Initiative der SNB übertragen will, findet Jordan ordnungspolitisch problematisch. Heute habe die SNB mit der Gewährleistung der Preisstabilität ein klares und vernünftiges Mandat.

Die Initiative sieht für die Nationalbank einerseits vor, dass sie "schuldfreien" Auszahlungen an Bund, Kantone und Bevölkerung tätigen müsste. Das wäre tückisch, weil die SNB so direkt in die Diskussion um Verteilungsfragen hineingezogen würde, führte Jordan aus.

Problematisch wäre andererseits auch, dass die SNB die Versorgung der Schweizer Wirtschaft mit Krediten sicherstellen müsste. Zielkonflikte zwischen der Preisstabilität und der Kreditversorgung wären aus Sicht von Jordan zu befürchten.

Es sei zwar ein hehres Ziel der Initiative, die Finanzstabilität zu sichern. Doch dafür gebe es weit bessere Instrumente als Vollgeld. Jordans Fazit: "Die von der Initiative angestrebte vollständige Verstaatlichung der Geldschöpfung ist falsch und schadet der gesamten Schweizer Wirtschaft."

(AWP)