Thyssenkrupp untersucht umstrittenes U-Boot-Geschäft mit Israel

(Ausführliche Fassung)
22.11.2016 11:34

ESSEN (awp international) - Der Industriekonzern Thyssenkrupp hat eine eigene Untersuchung des umstrittenen U-Boot-Geschäfts mit Israel eingeleitet. "Wir machen jetzt das, was wir im Rahmen unserer Prozesse immer machen, wenn wir Hinweise auf Unregelmässigkeiten bekommen: Wir gehen diesen vollumfänglich nach und klären den Sachverhalt auf", sagte der für Recht und ordnungsgemässe Unternehmensführung zuständige Vorstand Donatus Kaufmann der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (Dienstag).

Wegen des geplanten angeblich rund 1,5 Milliarden Euro schweren Kaufs von drei deutschen U-Booten steht Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu seit Tagen heftig in der Kritik. Er soll das teure Geschäft gegen den ausdrücklichen Widerstand des Verteidigungsministeriums vorangetrieben haben. Im Raum steht der Vorwurf der Vetternwirtschaft. Der persönliche Rechtsberater von Netanjahu, David Schimron, soll als Anwalt nämlich auch den israelischen Vertriebsvermittler der Marinesparte von Thyssenkrupp vertreten. Netanjahus Büro und Schimron weisen die Vorwürfe zurück.

Im Zentrum der internen Ermittlungen von Thyssenkrupp steht der eigene Vertriebsvermittler. Er hätte die Einschaltung eines Unterauftragnehmers bei der Einwerbung von Aufträgen nach den konzerninternen Regeln von der Essener Zentrale genehmigen lassen müssen. "Das ist nicht geschehen", sagte Kaufmann. Alles andere wisse der Konzern auch nur aus den Medien und könne das nicht weiter kommentieren.

Thyssenkrupp ist ein gebranntes Kind. In der Vergangenheit hatten zahlreiche Kartell- und Korruptionsfälle zu empfindlichen Strafen geführt. Der seit 2011 amtierende Vorstandschef Heinrich Hiesinger hat dem Konzern eine Null-Toleranz-Politik gegen Regelverstösse verordnet und etwa ein eigenes Vorstandsressort für gute Unternehmensführung eingerichtet. "Lieber verzichten wir auf ein Geschäft, als dass es unter Missachtung der Regeln zustande kommt. Wenn uns dadurch Aufträge verlorengehen, müssen wir das aushalten", sagte Kaufmann. "Alles andere ist nicht nachhaltig."

Thyssenkrupp hat nicht in allen Ländern eigene Vertriebsstrukturen und arbeitet deshalb mit Vermittlern zusammen. Diese Kooperationen seien in den vergangenen zwei Jahren "aufwendig analysiert" worden, sagte Kaufmann. Vor einer neuen Partnerschaft stehe nun eine genaue Überprüfung und beinhalte strenge Vertragsbedingungen. "Dennoch bleibt ein gewisses Restrisiko. Da gibt es nichts wegzudiskutieren. Wir dürfen aber nicht den Fehler machen, alle Vertriebspartner für korrupt zu erklären."

Jedem Hinweis auf Verstösse gehe der Konzern kompromisslos nach. Erst vor zwei Wochen hatte der im Herbst 2015 eingesetzte Chef des Grossanlagenbaus, Jens Michael Wegmann, seinen Hut genommen. Er hatte zuvor die Annahme eines Geschenks von einem Geschäftspartner eingeräumt, das er zuvor nicht ordnungsgemäss beim Konzern gemeldet hatte. Der Rücktritt sei "Zeugnis einer gesunden Unternehmenskultur", sagte Kaufmann. Der Vorgang stehe für die Glaubwürdigkeit des Konzerns.

"Dieses Mass an Transparenz auf der einen und Konsequenz auf der anderen Seite muss uns erst mal jemand nachmachen", erklärte der Compliance-Chef. Wegmann galt als Hoffnungsträger und sollte die unter schwachen Bestellungen leidende Grossanlagensparte umkrempeln. Er sei nach den internen Ermittlungen ohne "goldenen Handschlag" gegangen, erklärte Vorstand Kaufmann./enl/jsl/stw

(AWP)