'Tiefgreifende Differenzen' bleiben - Gespräch Merkel-Erdogan

(Meldung weiter ausgebaut) - Trotz Schritten zu einer Wiederannäherung bleiben die deutsch-türkischen Beziehungen in einer Krise. Beim Staatsbesuch des türkischen Präsidenten Recep Tayip Erdogan in Berlin mahnten Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am Freitag die Einhaltung der Pressefreiheit und der Menschenrechte an. Merkel sprach von weiterhin "tiefgreifenden Differenzen".
28.09.2018 21:24

Steinmeier sagte am Abend bei einem Staatsbankett im Schloss Bellevue: "Ich sorge mich als Präsident dieses Landes um deutsche Staatsangehörige, die aus politischen Gründen in der Türkei inhaftiert sind." Steinmeier hatte Erdogan zuvor mit militärischen Ehren begrüsst. Der Staatsbesuch fand unter strengstem Polizeischutz statt.

Wegen Sicherheitsbedenken untersagte die Stadt Köln am Freitag kurzfristig eine für Samstag geplante Grossveranstaltung von Erdogan-Anhängern zur Eröffnung einer Moschee. Nun sollen nur geladene Gäste in die Ditib-Zentralmoschee kommen dürfen. In Berlin demonstrierten mehrere tausend Menschen gegen Erdogan und dessen Politik. Der Protest stand unter dem Motto: "Erdogan not welcome". Die Teilnehmer waren vor allem deutscher, türkischer und kurdischer Herkunft.

Politisch besonders umstritten blieben der Fall des türkischen Journalisten Can Dündar und die Lage zahlreicher politischer Gefangener in der Türkei. Erdogan bestand auf der Auslieferung Dündars. "Das ist unser natürliches Recht", sagte der Staatschef. Dündar sei ein "Agent", der "Geheimnisse des Staates preisgegeben" habe. Für den türkischen Staat sei er ein "Verbrecher" und dafür zu fünf Jahren und zehn Monaten Haft verurteilt worden. Der frühere Chefredakteur der regierungskritischen Zeitung "Cumhuriyet" war wegen eines Artikels zu Waffenlieferungen des türkischen Geheimdiensts nach Syrien verurteilt worden und lebt in Deutschland im Exil.

Sein Fall drohte sich zu einem Eklat auszuwachsen, weil Dündar zunächst an der Pressekonferenz Merkels und Erdogans teilnehmen und dem Präsidenten kritische Fragen stellen wollte. Er verzichtete aber auf die Teilnahme, nachdem es aus der Erdogan-Delegation Drohungen gab, die Pressekonferenz platzen zu lassen.

Allerdings kam es dort dann zu einem Zwischenfall: Der Journalist Ertugrul Yigit, der ein T-Shirt mit der Aufschrift "Gazetecilere Özgürlük - Freiheit für Journalisten in der Türkei" trug, wurde von Sicherheitsleuten hinausgeführt.

Die türkische Regierung hatte bereits vor Erdogans Besuch in Deutschland die Auslieferung unter anderem von Dündar gefordert, wie die regierungsnahe Zeitung "Yeni Asir" berichtete. Dazu sei eine "Terrorliste" mit 69 Namen übergeben worden.

Erdogan forderte von Deutschland einen entschlosseneren Kampf gegen den Terrorismus. In Deutschland hielten sich "Tausende Mitglieder der PKK-Terrororganisation" auf. Zudem seien "Hunderte" Anhänger der Gülen-Bewegung in Deutschland. Die türkische Führung macht die Bewegung um den in den USA lebenden islamischen Prediger Fethullah Gülen für den Putschversuch vom Juli 2016 verantwortlich.

Beide Seiten betonten aber auch gemeinsame Interessen. "Wir haben vieles, was uns eint", sagte Merkel und nannte die Partnerschaft in der Nato, Fragen der Migration und den Kampf gegen Terrorismus. Die Türkei leiste "Herausragendes", indem sie mehr als drei Millionen Flüchtlinge aus Syrien beherberge. Zur Lage in dem Bürgerkriegsland kündigte die Kanzlerin ein Vierertreffen mit den Präsidenten Frankreichs, Russlands und der Türkei noch für Oktober an.

Der türkische Präsident warb für eine engere wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Deutschland. Zugleich mahnte er mit Blick auf die Kritik an den vielen Inhaftierten in seinem Land Respekt vor der Justiz an. "Weder habe ich das Recht, das Rechtssystem Deutschlands oder seine Gerichte zu kritisieren, noch haben Sie das Recht, das türkische Rechtswesen zu kritisieren. Denn die Justiz ist unabhängig, und ihre Urteile gilt es zu respektieren", sagte er.

Beim Staatsbankett würdigte er die deutsch-türkischen Beziehungen und bezeichnete bestehende Differenzen als überwindbar. "Es gibt kein Problem, das sich der türkisch-deutschen Freundschaft und den gemeinsamen Interessen in den Weg stellen könnte", sagte Erdogan er.

Das Verhältnis beider Länder war nach dem gescheiterten Putschversuch in der Türkei vor zwei Jahren an einen Tiefpunkt gekommen - unter anderem wegen der Verhaftung deutscher Staatsbürger. Erdogan ist aber um Entspannung bemüht, nachdem er sich mit US-Präsident Donald Trump angelegt hatte und die Türkei unter wirtschaftlichen Druck geraten ist.

Wegen des Absturzes der türkischen Lira gibt es eine massive Zunahme von Geldüberweisungen nach Deutschland. Allein zwischen April und Juni stieg der Kapitalzufluss aus der Türkei nach Deutschland auf 4,57 Milliarden Euro, wie aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine FDP-Anfrage hervorgeht, über die die Funke-Mediengruppe als erste berichtete und die auch der Deutschen Presse-Agentur vorliegt.

Erdogan traf am Freitag mehr als 20 deutsche Wirtschaftsbosse. Das Thema steht auch bei einem zweiten Treffen mit Merkel am Samstagmorgen im Mittelpunkt. Danach reist der Präsident zur Eröffnung der Moschee nach Köln weiter.

Die dort geplante Aussenveranstaltung darf nach Angaben der Stadt nicht stattfinden. Es sei kein ausreichendes Sicherheitskonzept seitens der Türkisch-Islamischen Union Ditib vorgelegt worden, sagte die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker (parteilos). Die Eröffnungszeremonie mit Erdogan darf damit nur mit geladenen Gästen stattfinden./tl/bk/cn/jam/DP/he

(AWP)