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Trichet: «EZB wird unterschätzt»

Ex-EZB-Präsident Jean-Claude Trichet äussert sich im Video-Interview mit cash.ch über die Politik der Zentralbanken, über Staatsanleihekäufe - und er beurteilt die Blasengefahr durch die Tiefzinspolitik.
25.11.2014 01:00
Von Daniel Hügli, Lugano
Jean-Claude Trichet im Interview mit cash.ch.

Jean-Claude Trichet ist auch nach seinem Rücktritt als EZB-Präsident vor knapp drei Jahren noch immer mit viel Herzblut dabei. Und sein Herzblut ist die Geldpolitik der Notenbanken. Deutlich wird das im Video-Interview, das cash.ch mit Trichet am Montag am Rande des Lugano Fund Forum führte.

Angesprochen auf die womöglich schwindende Glaubwürdigkeit der Europäischen Zentralbank ereifert sich Trichet: "Zentralbanken sollten kein Ersatz für Regierungen und Parlamente sein. Wenn man den Parlamenten und Regierungen sagt, dass man ihren Job mache, dann ebnet man bloss den Weg für künftige Probleme", so Trichet. Die Regierungen, Institutionen und der private Sektor müssten ihr "Haus selber in Ordnung bringen".

Damit wiederholt Trichet, was er und sein Nachfolger Mario Draghi alle paar Wochen sagen und sagten: Dass die Eurozonen-Länder mit den Strukturreformen vorwärts machen müssen. Der Reformeifer in den Eurozonen-Länder gerät immer wieder ins Stocken, ironischerweise nicht zuletzt auch deshalb, weil die Regierungen in Kenntnis der Interventionen der EZB mit Massnahmen im Arbeitsmarkt oder beim Abbau bürokratischer Hürden zögerlich vorgehen.

Vorwürfe der schwindenden Glaubwürdigkeit der EZB kommen aber nicht bloss von Politikern oder von Top-Ökonomen (wie im cash-Interview mit Prof. Marcel Fratzscher). Letzte Woche sagte Italiens Vize-Notenbankchef Salvatore Rossi, die Glaubwürdigkeit der EZB als Hüterin stabiler Preise sei in Gefahr. Denn trotz vieler EZB-Massnahmen seit Ausbruch der Schulden- und Finanzkrise steht die Eurozone am Rande einer Deflation. Daher verfehlt die EZB aus Sicht vieler Ökonomen ihr Mandat ganz klar. Und das heisst Preisstbilität.

Laut Trichet, der als der grosse Krisenmanager in Europa während der Banken- und Schuldenkrise gilt, werden die gegenwärtigen Waffen der EZB aber noch immer unterschätzt - weil die EZB nicht wie die Federal Reserve funktioniere. Mit einem Seitenhieb auf den US-Markt sagt er zu cash: "Die Marktteilnehmer in New York verstehen nicht, dass es in Europa eine Liquiditätsversicherung gibt, welche die Zentralbank garantiert. Das existiert in den USA nicht. In Europa haben alle kommerziellen Bank unlimitierten Zugang zu Liquidität bei fixen Zinsen bis Oktober 2016. Das ist das Konzept, das wir 2007 festgesetzt hatten."

Kluge Entscheide Draghis

Trichet, dessen Rolle in seiner Amtszeit über die EZB hinausging, weil es in kritischen Phase von 2008 bis 2011 keine politische Führung in Europa gab, sieht die EZB-Massnahmen wie das umstrittene OMT-Programm ("Outright Monetary Transactions") zu unbegrenzten Staatsanleihekäufen als "sehr effektiv. Daher sind auch die Zinsen in Europa tiefer als in den USA."

Am Freitag hatte EZB-Chef Mario Draghi klargestellt, dass die Notenbank ihre bereits sehr expansive Geldpolitik weiter lockern könnte. Draghi deutete zusätzliche Käufe privater oder öffentlicher Wertpapiere an. Bereits beschlossen ist der Kauf gedeckter Bankanleihen (Covered Bonds) und gebündelter Kreditverbriefungen (ABS).

Auf die Frage, ob die EZB im nächsten Jahr nun auch effektiv Staatsanleihen kaufen werde, sagt Trichet zu cash: "Das ist die Entscheidung des EZB-Rates. Aber alle Entscheide, die während der Präsidentschaft von Mario Draghi getätigt wurden, scheinen mir vernünftig und klug. Sie stehen im Einklang mit dem Mandat der EZB, und das heisst Preisstabilität, keine Inflation, keine Deflation."

Unter Trichet, der seinen Job als EZB-Chef von November 2003 bis Ende 2011 ausübte, kam es während der Krise zu massiven und historischen Zinssenkungen. Die EZB drückte im Dezember 2008 den Leitzins um einen dreiviertel Prozentpunkt auf 2,5 Prozent. Es war damals der grösste Zinsschritt seit der Einführung des Euro und der Gründung der europäischen Notenbank.

Gefahr der Blasenbildung

Allerdings machte Trichet auch Fehler. So unterschätzte er die Gefahr des Einbruchs am US-Eigenheimmarkt auf den Euroraum im Jahr 2007. Diese Fehleinschätzung gipfelte in der Zinserhöhung vom Juli 2008, welche im Nachhinein als einer der offenkundigsten Fehler war, die während der Krise gemacht wurde.

Dem Tiefzinsumfeld steht Trichet durchaus kritisch gegenüber: "Ein Niedrigzinsumfeld kann zu Versuchungen führen, dass in den verschiedensten Marktsegmenten Blasen kreiert werden. Das ist unvermeidliche Konsequenz von sehr tiefen Zinsen. Darüber müssen wir uns sehr bewusst sein", gibt der ehemalige EZB-Präsident zu bedenken.

Im Video-Interview mit cash äussert sich Jean-Claude Trichet überdies zu Deflationsgefahren in der Eurozone, zu Euro-Ländern, welche besonders Fortschritte erzielt haben, und er schätzt die historischen Dimensionen der Finanzkrise ein.