«Trotz allem höhere Börsen bis Ende 2015»

Chinas Probleme sind das Thema der Stunde an den Finanzmärkten. Gabriel Bartholdi, Aktienstratege bei J. Safra Sarasin, schätzt die Lage ein und nimmt eine Prognose für den Schweizer Aktienmarkt vor.
24.08.2015 14:29
Interview: Marc Forster
Gabriel Bartholdi ist Leiter Aktienstrategie bei J. Safra Sarasin.
Gabriel Bartholdi ist Leiter Aktienstrategie bei J. Safra Sarasin.
Bild: ZVG

cash: Herr Bartholdi, nun wirken sich die wirtschaftlichen Probleme Chinas an den Aktienmärkten aus. Sind das Vorboten einer grösseren weltwirtschaftlichen Krise?

Gabriel Bartholdi: Die Angst vor einer globalen Rezession, ausgelöst durch China, scheint der Hauptgrund für die Rückschläge an den Aktienmärkten zu sein. In unserem Basis-Szenario gehen wir jedoch nicht davon aus. Einerseits präsentiert sich die US-Konjunktur nach wie vor robust und kann auf einen starken einheimischen Markt zählen. Andererseits dürfte sich auch Euroland weiter verbessern, trotz negativem Einfluss von den Schwellenländern. In Euroland stützt die Europäische Zentralbank die Konjunktur mit einer expansiven Geldpolitik.

Was erwarten Sie für Auswirkungen auf die Schweiz?

Die Schweiz dürfte sich einer Wachstumsverlangsamung nicht ganz entziehen, erhält aber momentan etwas Rückenwind von einem schwächeren Schweizer Franken zum Euro. Insgesamt präsentiert sich aber die Schweizer Konjunktur schwach, gebeutelt von der Aufhebung der Franken-Untergrenze.

Wie geht es am Schweizer Aktienmarkt weiter?

Der Schweizer Aktienmarkt ist davon weniger betroffen, da viele der grossen Aktiengesellschaften wie Novartis, Roche oder Nestlé global aufgestellt sind und bessere Möglichkeiten haben, einen stärkeren Schweizer Franken abzufedern. Der Schweizer Aktienmarkt dürfte in solchen Märkten daher besser abschneiden und seine defensiven Eigenschaften ausspielen. Dies hat vor allem damit zu tun, dass der Schweizer Aktienmarkt dominiert wird von den grossen Gesundheits- und Verbrauchsgüterunternehmen, deren Produkte weniger sensitiv auf Konjunkturveränderungen reagieren.

Wird der SMI weiter korrigieren?

Kurzfristig könnten die Märkte und so auch den SMI weiter nach unten tendieren. Der SMI dürfte aber etwas weniger stark unter Druck geraten. Es scheint, dass viele Marktteilnehmer an der Seitenlinie stehen und beobachten, wie sich die Situation in China weiter entwickelt und ob der erste Zinsschritt in den USA im September stattfindet. Entsprechend fehlt womöglich kurzfristig ein Grund für einen Wiedereinstieg in die Aktienmärkte und somit einer Erholungsrallye. Bis Jahresende erwarten wir jedoch höhere Aktienmärkte, wenn wieder mehr Klarheit in China und den USA herrscht. Zudem dürften die Aktienmärkte - so auch der SMI - weiterhin getrieben werden durch die nach wie vor expansiven Zentralbanken und die strukturellen Konjunkturverbesserungen in Europa und den USA.

Verschiebt die US-Notenbank Fed wegen China die Zinsanhebung nun nach hinten?

Flachen die Turbulenzen an den Finanzmärkten rechtzeitig ab, dürfte der erste Zinsschritt nach wie vor im September stattfinden, da wir weiterhin von einer starken US-Konjunktur ausgehen. Schwächt sich aber der US-Arbeitsmarkt unerwartet ab und erweisen sich die Wachstumsängste als real, dann ist es wahrscheinlich, dass der erste Zinsschritt verschoben wird. Entsprechend gespannt sind wir auf die US-Konjunkturdaten in den nächsten zwei Wochen.

Ein grosser Teil des Volksvermögens in China ist in Immobilien investiert. Wie sehen Sie die Risiken für diesen Sektor?

Der Immobiliensektor ist nach wie vor ein Risiko in China. Jedoch zeigen einige Indikatoren, dass sich das Risiko jüngst etwas entschärft hat. Dies stimmt uns positiv, dass die Immobilienblase in China nicht platzen wird.

Die Behörden in China reagieren, in dem sie Pensionskassen an den Aktienmarkt lassen. Werden weitere solche Massnahmen folgen? Wird die Notenbank den Yuan weiter schwächen?

Im Gegensatz zu anderen Volkswirtschaften haben die Pensionskassen keinen vergleichbar grossen Einfluss auf die Finanzmärkte in China. Die Regierung wird hingegen alles daran setzen, eine harte Landung, sprich eine Rezession, zu verhindern. Entsprechend erwarten wir weitere und vor allem grössere Massnahmen seitens der Regierung.

Rohstoffpreise fallen, der Ölpreis ist so tief wie seit 2009 nicht mehr. Verschärft dies nicht noch die Krisenängste?

Die fallenden Rohstoff- und Ölpreise werfen vor allem Fragen auf, ob die Konjunkturdaten aus China wirklich stimmen und eventuell nicht schwächer sind als kommuniziert. Entsprechend ist die Unsicherheit auch dadurch erhöht. Belastend sind die tiefen Rohstoffpreise insbesondere für die Unternehmen im Roh-, Grundstoff- und Energiesektor. Jedoch haben tiefe Rohstoffpreise mittelfristig auch einen positiven Einfluss. Viele Unternehmen vor allem in Euroland können dadurch die Kosten reduzieren, was zu Margensteigerungen führen dürfte. Oft sind die positiven Effekte aber nur mit einer Verzögerung festzustellen.

Wo hat China spezifisch ein Problem?

China hat ein strukturelles Problem. Das Land ist im Wandel von einer investitions- zu einer konsumgetriebenen Volkswirtschaft. Dass dies nicht ohne Turbulenzen geht, sehen wir an den tieferen Wachstumsraten. Während das Wachstum der Investitionen stark zurückgekommen ist, hat das Konsumwachstum Mühe, Fahrt aufzunehmen. Die bisherigen Massnahmen, um den Konsum zu stärken, scheinen nur beschränkt erfolgreich gewesen zu sein.

Gibt es ein generelles Problem mit den Schwellenländern?

Die übrigen Schwellenländer sind in einer ganz anderen Situation. In den vergangenen Jahren haben viele der Schwellenländer von einem Zufluss an Geldern profitiert, da in den entwickelten Ländern es kaum Investitionsmöglichkeiten gab. Mit einem starken Dollar und in absehbarer Zeit steigende Zinsen fliessen die Gelder nun wieder zurück und stellen viele dieser Länder vor ein Refinanzierungsproblem.