Türken in der Schweiz lehnen Verfassungsreform deutlich ab

Die Türkinnen und Türken in Deutschland und Österreich haben das Präsidialsystem von Recep Tayyip Erdogan mit grosser Mehrheit angenommen. Ganz anders fiel das Ergebnis in der Schweiz aus: Hier sagte eine deutliche Mehrheit der Stimmenden Nein.
17.04.2017 17:06

Rund 62% der Türkinnen und Türken, die beim Verfassungsreferendum ihre Stimmen in der Schweiz abgaben, lehnten die Reform ab. Der Anteil der Nein-Stimmen, die in der türkischen Botschaft in Bern abgegeben wurden, liegt sogar bei 70%. Im Generalkonsulat in Zürich waren 64% Nein-Stimmen in der Urne. Im Konsulat in Genf hingegen unterstützte eine Mehrheit der Stimmenden (55%) die umstrittene Verfassungsreform von Präsident Erdogan.

Anders als in der Schweiz erfuhr in Deutschland Erdogans Präsidialsystem beim Referendum viel mehr Zustimmung - sogar mehr als in der Türkei selber. Die in Deutschland lebenden Türken haben mit fast Zweidrittelmehrheit mit Ja gestimmt.

63,1% votierten beim Referendum mit "Ja", wie die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu nach Auszählung fast aller Stimmen aus dem Ausland meldete. In Österreich lag die Zustimmung mit 73,2% noch höher.

In den Niederlanden konnten die Unterstützer des Präsidialsystems 71% der Stimmen für sich verbuchen. Auf den höchsten Wert in Europa kam Belgien mit 75,1% "Ja"-Stimmen. In Frankreich stimmten 65% für die Verfassungsreform.

2,9 MIO IM AUSLAND STIMMBERECHTIGT

Ungleich niedriger war hingegen die Zustimmung der Wahlberechtigten in Schweden (47%) und im Vereinten Königreich (20%). Ebenfalls klar ablehnend äusserten sich die Wahlberechtigten in den USA (16% Ja-Stimmen), Russland (26%) und Australien (42%). In Bulgarien stimmten nur rund 28% für das Präsidialsystem. In dem Land sind zehn% der 7,1 Mio Einwohner ethnische Türken aus der Zeit des Osmanischen Reiches.

Rund 2,9 Mio Stimmberechtigte beim Verfassungsreferendum leben ausserhalb der Türkei, drei Viertel von ihnen in fünf europäischen Ländern: In Deutschland waren 1,43 Mio wahlberechtigte Türken registriert, in Frankreich 326'000, in den Niederlanden 253'000, in Belgien 138'000, in Österreich 108'561 und in der Schweiz 95'263. Die Wahlbeteiligung lag in der Schweiz bei 57,1%.

Besonders mit Deutschland und den Niederlanden hatte der Streit um Wahlkampfauftritte türkischer Regierungsmitglieder für schwere Verwerfungen mit Ankara geführt. Erdogan hatte beiden Ländern "Nazi-Methoden" vorgeworfen.

Nach den Zahlen von Anadolu stimmten im Ausland insgesamt 59,2% der Wahlberechtigten mit "Ja", im Inland waren es demnach 51,2%. Die Zahlen von Anadolu weichen leicht von denen der Wahlkommission ab. Auslandtürken machten etwa fünf% aller Wahlberechtigten aus.

mk

(AWP)