Türkei: Der Putschversuch gegen Erdogan - und was danach geschah

Ankara/Istanbul (awp/sda/dpa) - In der Nacht zum Samstag überschlagen sich die Ereignisse in der Türkei. Angehörige der Armee wollen die Macht im Land an sich reissen. Nach dem Scheitern des Putsches greift Präsident Recep Tayyip Erdogan hart durch. Ein Überblick:
17.07.2016 16:33

- Freitagabend: Die Lage ist angespannt. Die Polizei in Ankara ruft das komplette Personal zum Dienst, Krankenwagen stehen bereit. Es gibt erste Meldungen über Jets im Tiefflug. Über Istanbul kreisen Helikopter, Sicherheitskräfte sind in den Strassen unterwegs.

- Gegen 22.20 Uhr: Die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu meldet, Teile des Militärs hätten einen Putschversuch begonnen. "Dieser Versuch wird nicht erlaubt werden", sagt Ministerpräsident Binali Yildirim, die Hintermänner würden "den höchsten Preis bezahlen".

- Die putschenden Streitkräfte melden, sie hätten die Macht in der Türkei vollständig übernommen und wollten die verfassungsmässige Ordnung, die Demokratie und die Menschenrechte wiederherstellen.

- Die Putschisten besetzen den Atatürk-Flughafen in Istanbul.

- Staatspräsident Erdogan ruft das Volk zu öffentlichen Versammlungen gegen den Putsch auf - per live übertragenem Telefonanruf beim Sender CNN Türk. Viele Menschen folgen dem Appell.

- Über Istanbul und Ankara fliegen Kampfjets und Helikopter. Panzer rollen durch die Strassen, immer wieder sind Schüsse und Explosionen zu hören - bis zum Morgen. Fernsehsender zeigen in Ankara Menschen, die sich um Verletzte kümmerten.

- Russland und die USA rufen zum Frieden auf, die Aussenminister beider Länder sind zusammen in Moskau.

- Wo ist Erdogan? Aus dem Präsidialamt heisst es: an einem sicheren Ort.

- Die Putschisten verhängen eine Ausgangssperre im ganzen Land.

- Fluggesellschaften streichen Flüge und rufen Maschinen zurück.

- Kurz nach Mitternacht: Die Putschisten ziehen vom Atatürk-Flughafen wieder ab, nachdem Demonstranten auf das Gelände eingedrungen sind, wie die Nachrichtenagentur DHA berichtet.

- In einem Interview des Senders CNN Türk macht Erdogan Anhänger des in den USA lebenden Predigers Fethullah Gülen für den Putschversuch verantwortlich.

- Augenzeugen berichteten von Solidaritätskundgebungen für die Putschisten.

- Nach Angaben von Ministerpräsident Yildirim werden einige Anführer des Putschversuchs festgenommen.

- Kurz nach 01.00 Uhr: Alle vier Parteien im türkischen Parlament - auch die drei Oppositionsparteien - sprechen sich gegen den Putschversuch aus.

- Die private Nachrichtenagentur DHA meldet, am Parlament in Ankara sei eine Explosion zu hören gewesen.

- Gegen 02.00 Uhr: Ministerpräsident Yildirim sagt: "Die Situation ist weitgehend unter Kontrolle." Aus dem Präsidialamt heisst es, bei den Putschisten handele es sich "um eine kleine Gruppe" von Offizieren aus der Gendarmerie und der Luftwaffe.

- Gegen 02.30 Uhr: Staatspräsident Erdogan landet nach einem Bericht des Fernsehsenders NTV in Istanbul.

- Soldaten dringen in die Räume des Senders CNN Türk in Istanbul ein, die Sendung wird eingestellt. Schüsse und laute Tumulte sind zu hören. Eine knappe Stunde später wird der Betrieb wieder aufgenommen.

- Gegen 03.30 Uhr: Erdogan tritt erstmals seit Beginn des Putschversuchs öffentlich auf, am Atatürk-Flughafen in Istanbul. Er sagt, er sei in Marmaris an der türkischen Ägäis-Küste gewesen. Unmittelbar nach seiner Abreise von dort hätten die Putschisten "diesen Ort leider genauso bombardiert".

- Ministerpräsident Yildirim weist das Militär an, von Putschisten gekaperte Flugzeuge abzuschiessen. Kampfflugzeuge seien von der Luftwaffenbasis Eskisehir gestartet, heisst es im Präsidialamt.

- Sicherheitskräfte befreien Armeechef Hulusi Akar aus der Gewalt von Putschisten. Ministerpräsident Yildirim hatte in der Nacht General Ümit Dündar kommissarisch zum Militärchef ernannt.

- Samstagmittag: Die Lage hat sich weitestgehend beruhigt. Politiker loben, dass der Putsch gescheitert sei.

- Ministerpräsident Yildirim gibt die Zahl der Toten bei dem Putschversuch mit 265 an, darunter seien 161 regierungstreue Sicherheitskräfte oder Zivilisten sowie 104 Putschisten. Zudem seien 2839 Putschisten aus den Reihen der Streitkräfte festgenommen worden.

- Nach dem versuchten Umsturz wurden 2745 Richter sowie fünf Mitglieder des Hohen Rats der Richter und Staatsanwälte in Ankara abgesetzt, wie die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu meldet.

- In einer Sondersitzung des Parlaments dankt Ministerpräsident Yildirim der Opposition und den Bürgern für ihre Unterstützung. Er erklärt den 15. Juli zum künftigen "Demokratie-Festtag".

- US-Präsident Barack Obama ruft alle Parteien in der Türkei zu "gesetzmässigem Handeln" auf. Aktionen, die zu weiterer Gewalt oder Instabilität führen würden, müssten vermieden werden.

- Präsident Erdogan verlangt von den USA die Auslieferung des Predigers Fethullah Gülen.

- Samstagabend: Zehntausende Menschen gehen in mehreren Städten der Türkei auf die Strasse und feiern bis in die Nacht das Scheitern des Putsches. Zugleich halten sie "Wache für die Demokratie".

- Sonntagmittag: Justizminister Bekir Bozdag kündigt an, dass die Zahl der Festnahmen auf rund 6000 gestiegen sei.

- Präsident Erdogan kündigt ein gnadenloses Vorgehen gegen Anhänger seines Erzfeindes Gülen an: "In allen Behörden des Staates wird der Säuberungsprozess von diesen Viren fortgesetzt. Denn dieser Körper, meine Brüder, hat Metastasen produziert. Leider haben sie wie ein Krebsvirus den ganzen Staat befallen."

(AWP)