Ufern die Negativzinsen aus?

In einer Woche hält die Schweizerische Nationalbank das erste von jährlich vier Zinstreffen ab. Wird sie die Negativzinsen erhöhen? Wirken diese überhaupt dem starken Franken entgegen? Eine Vorschau und Einschätzungen.
12.03.2015 06:54
Von Marc Forster
Am nächsten Donnerstag richten sich die Augen die Nationalbank und ihren Präsidenten Thomas Jordan.
Am nächsten Donnerstag richten sich die Augen die Nationalbank und ihren Präsidenten Thomas Jordan.
Bild: Bloomberg

Könnte die Schweizerische Nationalbank schon am nächsten Donnerstag, wenn sie ihre geldpolitische Lagebeurteilung veröffentlicht, die Zinsen erneut verändern? Berichten vom vergangenen Wochenende zufolge wollen die Währungshüter die Abgabe für eingelagerte Bankengelder auf bis 1,5 Prozent ausweiten. Seit dem 15. Januar, also dem Ende des Euro-Franken-Mindestkurses, beträgt der Zins für die Guthaben auf Girokonten minus 0,75 Prozent (der so genannte Negativzins). Eingeführt worden war er am 18. Dezember 2014 bei 0,25 Prozent.

Die SNB würde auf jeden Fall mit einem scharfen Mittel hantieren. Die Banken, die Vorsorgebranche und auch die gesamte Wirtschaft stöhnen unter dem aktuellen Negativzins. Experten weisen darauf hin, dass es eine Notsituation bräuchte, damit Thomas Jordan und die SNB-Direktoren dies mit einem höheren "Strafzins" verstärken würden. Die Geldschwemme durch die Europäische Zentralbank (EZB), die offiziell am vergangen Montag ausgelöst wurde, hat den Franken noch nicht massiv aufgewertet. Der Euro-Franken-Kurs fiel seit Montag von 1,075 auf bis 1,0640 und nicht zur Parität oder ins Bodenlose. 

Negativzinsen sind nicht nur wegen ihrer Konsequenzen auf die Wirtschaft, die Sparer und die Vorsorgeversicherten umstritten. Einige Beobachter sagen, die SNB habe die Massnahmen im Januar ausgeweitet, weil sie bis dahin wenig bewirkte.

Andere glauben, dass die SNB im Januar von -0,25 Prozent auf -0,75 Prozent schritt, um parallel zur Aufhebung des Mindestkurses ein Zeichen zu setzten - mit der Option, weiter zu gehen. SNB-Präsident Thomas Jordan hatte im Februar gesagt, die Bank habe Spielraum, die Negativzinsen zu erhöhen, um den Franken zu schwächen. 

Erwartungen sind hoch

An Anleitungen und gut gemeinten Ratschlägen an die - wiewohl unabhängige - Nationalbank mangelt es nicht. Aus der Politik, der Wirtschaft und bei den Gewerkschaften gibt es Stimmen, die einen neuen Mindestkurs fordern, sei er bei 1,10 Franken, 1,15 Franken oder gar wie früher wieder bei 1,20 Franken. Mit Negativzinsen würde die SNB, an die so hohe Erwartungen bestehen, zumindest indirekt versuchen, den Euro-Franken-Kurs nach oben zu treiben.

Währungsexperte Thomas Flury von der UBS erwartet aber, dass die SNB sehr zurückhaltend ist mit heftigeren Negativzinsen: "Noch tiefere Zinsen würde die Bargeldnachfrage anheizen und könnte noch andere unerwünschte Effekte haben." Er glaubt nicht, dass eine solche Massnahme auf den nächsten Donnerstag geplant ist.

Ökonom Felix Brill von Wellershoff & Partners verweist auf das Dilemma, in dem die Banken wegen der Negativzinsen stecken: Mit der Weitergabe des Negativzinsen Kunden davonjagen oder bei Nicht-Weitergabe an Profitabilität im Kreditgeschäft verlieren. "Letzteres ist problematisch, weil das Bankensystem ja gerade Eigenkapital aufbauen soll, um an Stabilität zu gewinnen, was nur bei einer profitablen Geschäftsführung funktioniert", sagt Brill im Gespräch mit cash.

Kampf gegen Aufwertung hat viele Gesichter

Bereits heute seien aber die Negativzinsen in der Schweiz höher als in der Eurozone. Vor diesem Hintergrund und den potentiellen, unerwünschten Nebenwirkungen erachtet Brill eine weitere Ausweitung der Negativzinsen auf beispielsweise -1,5 Prozent zum jetzigen Zeitpunkt ebenfalls als unwahrscheinlich.

Die Neue Helvetische Bank sieht die Lage anders: Die Analysten des Vermögensverwalters glauben, dass die EZB-Geldschwemme die Flucht in den Franken wieder verstärkt. Seit dem Ende der Euro-Franken-Untergrenze habe sich die SNB einen strategischen Vorteil verschafft, in dem sie heftige und überraschende Euro-Käufe tätigen könne und damit die Aufwertung zumindest etwas dämpfen könne, heisst es in einem Marktkommentar von dieser Woche.

Bei der Neuen Helvetischen Bank schenkt man der Idee, den Kurs mit Negativzinsen zu beeinflussen, einige Beachtung. Mit einem höheren Strafzins für die Einlagen könnte die SNB den Kampf gegen die Aufwertung verstärken: "Eine mögliche Erhöhung des Negativzinses würde zumindest vorerst seine Wirkung wohl nicht verfehlen", schreiben die Experten.

Vieles ist möglich

Der Pensionskassen-Experte Daniel Dubach hat eine ähnliche Meinung: "Nebst direkten Interventionen im Devisenmarkt steht der SNB nur das Instrument unattraktiver - sprich negativer - Zinsen zur Verfügung, wenn sie nicht Kapitalverkehrskontrollen einführen will." Würden sich die Zinsen im Euroraum aufgrund der EZB-Obligationenkäufe weiter nach unten bewegen und sich die Zinsdifferenz zur Schweiz verringern, sei eine weitere Ausweitung der Negativzinsen durch die SNB wahrscheinlich, sagt der Vorsorgespezialist.

Verschiedene Strategen verweisen auf die derzeit aussergewöhnliche Lage an den Kapitalmärkten. Dort halten die Negativrenditen immer mehr Einzug. Bei den kürzer als zehn Jahre laufenden Staatsanleihen sehr guter Qualität müssen Anleger mittlerweile oft draufzahlen. In einer neuen Welt der Negativzinsen scheint vieles möglich. Auch bei der SNB am nächsten Donnerstag.