Unbeabsichtigte MiFID-FolgenJobverluste und Handelsturbulenzen wegen neuen Regeln

Angesichts der Einführung der europäischen MiFID II Regeln sind Banken und Vermögensverwalter bemüht, sich auf aufsichtsrechtliche Neuerungen vorzubereiten, die der Finanzbranche möglicherweise mehr schaden als nutzen.
27.08.2017 08:25
Die neuen Richtlinien über Märkte für Finanzinstrumente (MiFID II) bereitet einigen Banken Sorgen.
Die neuen Richtlinien über Märkte für Finanzinstrumente (MiFID II) bereitet einigen Banken Sorgen.
Bild: pixabay.com

Die überarbeitete Richtlinie über Märkte für Finanzinstrumente (MiFID II) hat das Ziel, die Märkte fairer und transparenter zu machen. Sie wirkt sich auf alles Mögliche aus, von der Art wie die Finanzunternehmen handeln, bis zum Vertrieb von Research-Produkten. Dennoch sind Fachleute besorgt, dass die Hunderte von Seiten an Vorschriften Probleme überdecken, die die Aufsichtsbehörden niemals vollständig berücksichtigt haben.

"Die MiFID II-Blase fühlt sich schmerzhaft an", sagt Gerard Walsh, Leiter Aktiengeschäftentwicklung für Northern Trust Capital Markets in London. "Es ist ein wenig so, als ob Grossbritannien ganz plötzlich einführen würde, auf der rechten Seite zu fahren. Es wird zu Störungen führen, aber schliesslich werden sich die Leute anpassen. "

Im Folgenden sind nur einige der Konsequenzen des neuen Regelwerks aufgeführt, die die Verantwortlichen wohl nicht beabsichtigt haben:

Weniger Research

Zu den umstrittensten Aspekten des neuen Regelwerks zählt die Vorgabe für Banken, Research und Handelsdienstleistungen zu trennen. Eine unmittelbare Konsequenz könnte sein, dass die Ausgaben für Analysen sinken, da die Buy Side anspruchsvoller wird. US-amerikanische und europäische Fondsmanager werden ihre Research-Budgets wahrscheinlich um mehr als 300 Millionen Dollar kürzen, wie aus einer Umfrage von Greenwich Associates hervorgeht.

Dies entspricht einem Rückgang der ausgegebenen Provisionen von 7 Prozent für europäische Gesellschaften und 5 Prozent für US-amerikanische FirmenWall-Street-Banken werden möglicherweise ihr US-Research nicht an europäische Kunden verkaufen können, wegen des regulatorischen Konfliktes zwischen den beiden Regionen - der wohl kaum vor dem Januar-Einführungsdatum von MiFID gelöst sein dürfte. Es ist in den USA verboten, für Research separat Geld zu verlangen, es sei denn, die Kreditbanken registrieren sich als Anlageberater.

Jobverluste (und einige Jobzuwächse)

Weniger Nachfrage nach Research bedeutet weniger Nachfrage nach Analysten. McKinsey & Co. erwartet, dass die Regeländerung Hunderte von Arbeitsplätzen kosten wird, da Banken die Research-Ausgaben in der Region um etwa 1,2 Milliarden Dollar kürzen werden. Die führenden 10 Banken auf der Sell-Side geben derzeit rund 4 Milliarden US-Dollar pro Jahr für Research aus, aber das wird nach MiFID um 30 Prozent sinken, sagte die Beratungsgesellschaft.

Und das ist ein Bereich, der sich seit der Krise relativ gut behauptet hat: Der Personalbestand bei Cash-Equity-Research ist seit 2011 um nur 12 Prozent gesunken, im Vergleich zu 40 Prozent bei Sales und Handel.Es gibt Aufwärtspotenzial für einige wenige Glückliche, da Vermögensverwalter, darunter Schroders ihre eigenen Research-Teams aufbauen, um die Auswirkungen von MiFID auszugleichen. Die Vanguard Group, die weltweit grösste Investmentfondsgesellschaft, plant ebenfalls, sich mehr auf interne Analysen zu verlassen.

Spezielle Research-Häuser

Da Banken wahrscheinlich Analysten reduzieren werden, könnten ganze Branchenteams, die in ihrem Sektor nicht unter den führenden drei oder vier eingestuft werden, von der Bildfläche verschwinden. Walsh von Northern Trust rechnet damit, dass diese Teams sich entscheiden können, eigene Wege zu beschreiten. Dabei geht es nicht nur um niedrig eingestufte Research-Mitarbeiter: Drei Analysten von Barclays in New York sollen gegangen sein und ihre eigene Boutique-Firma gestartet haben.

Schrumpfende Kauflisten

Da die Gesellschaften die Transaktionen weit detaillierter dokumentieren müssen, besteht die Sorge, dass MiFID II eine dämpfende Wirkung auf den Vertrieb in Kontinentaleuropa haben wird. Banken und Versicherer, die Fonds vermarkten, könnten die Anzahl der Vermögensverwalter, mit denen sie handeln, einschränken, was den Wettbewerb reduziert, den die EU-Aufseher eigentlich fördern wollen. Die Consulting-Gesellschaft Cerulli Associates aus Boston sagt, dass Südeuropa wahrscheinlich am stärksten betroffen sein wird.

... und schrumpfendes Investment-Universum

MiFID II verlangt von Unternehmen, die am Vertrieb von Investmentfonds beteiligt sind, sicherzustellen, dass die Anleger die für sie geeigneten Produkte erhalten - definiert als der "Zielmarkt". Unter der britischen Interpretation der Regeln müssen Portfoliomanager ebenfalls diese Anforderung einhalten, da sie als Produktvermarkter eingestuft werden.

"Die Regeln könnten dazu führen, dass das Universum an Unternehmen, in das Fondsmanager ihrer Meinung nach investieren können, schrumpft", sagte Dick Frase, Partner der Anwaltskanzlei Dechert. "Das bedeutet, dass sie darüber nachdenken müssen, ob eine individuelle Anlageentscheidung, wie z. B. die Auswahl einer Aktie im Vergleich zu einer anderen, für den Zielmarkt geeignet ist. Das macht keinen Sinn."

Weniger Geschäft in London

London, das bereits mit den Nachwirkungen von Brexit zu kämpfen hat, dürfte weiter an Attraktivität verlieren, da MiFID II die Stadt zu einem komplizierteren und teuereren Standort für ausländische Investmentmanager macht. "New York, Boston, Hongkong und Singapur werden attraktiver", sagt Dechert-Partner Peter Astleford. Aufsichtsrechtliche Konflikte zwischen Systemen werden für etwa 5 bis 10 Prozent "ein entmutigender Faktor" sein, Geschäfte in London zu betreiben, sagte er.

Handelsvolumen

Der Handel mit Blue-Chip-Aktien und Derivaten im Volumen von Billionen von Dollar könnte durch die Überarbeitung möglicherweise Turbulenzen ausgesetzt werden. Es sei denn, die EU handelt schnell, um sicherzustellen, dass ihre neuen Regeln so genannte Äquivalenz mit anderen Systemen auf der ganzen Welt haben.

Die weltgrösste Lobby-Gruppe der Derivate-Branche drängt auf eine Verschiebung von MiFID II, während Aufsichtsbehörden in Ländern wie den USA, der Schweiz und Singapur sich beeilen, festzustellen, ob ihre Regeln so streng sind wie in der EU. Wenn die Regelwerke nicht abgeglichen werden, könnte MiFID II den Handel auf Plattformen in diesen Ländern stören, die globalen Märkte zersplittern und die Kosten steigern.

Ein globaler Standard?

Um das Leben leichter und das Geschäft effizienter zu machen, erwägen einige Gesellschaften, das MiFID II-Regelwerk über Europa hinaus anzuwendenl. BNP Paribas Asset Management plant, die Prinzipien weltweit zu verfolgen und sagt, dass es "extrem komplex" sein würde, zwischen Portfolios, die unter die neuen EU-Vorschriften fallen und anderen zu unterscheiden. Fondsmanager in den USA denken über die Preisgestaltung nach, vergeben die Research-Kosten intern und legen diese Kosten gegenüber den Kunden offen, sagt Amrish Ganatra von der Research Payment-Processing-Plattform Commcise.

(Bloomberg)