USA: Die ungestillte Sehnsucht nach dem Wandel

Donald Trump ist im Präsidentschaftswahlkampf angetreten als Kandidat des Anti-Establishments mit dem Versprechen, in Washington für frischen Wind zu sorgen. Die Botschaft trifft in den USA den Nerv der Zeit.
01.10.2016 09:12
Donald Trump, Präsidentschaftskandidat in den USA.
Donald Trump, Präsidentschaftskandidat in den USA.
Bild: Bloomberg

Und doch ist es dem Republikaner augenscheinlich nicht gelungen, sich im ersten TV-Duell mit seiner Kontrahentin Hillary Clinton vor mehr als 80 Millionen Zuschauern als Garant für einen wahren Wandel an der Spitze des Landes zu empfehlen. Stattdessen liess er sich auf einen Schlagabtausch mit seiner Rivalin ein, in dem es vor allem um gegenseitige Vorwürfe und Beleidigungen ging - und in dem er zumindest ersten Umfragen zufolge den Kürzeren zog.

Dabei ist die Gelegenheit günstig wie selten zuvor. Umfragen zeigen, dass die Stimmung der Wähler am Boden ist, wenn es um die Lage des Landes geht. 64 Prozent der Amerikaner vertreten die Meinung, dass die USA sich auf dem falschen Gleis befinden, wie aus einer Erhebung der Nachrichtenagentur Reuters und des Meinungsforschungsinstituts Ipsos hervorgeht. Die Wähler sehnen sich nach einem Umschwung und machen sich ernsthaft Sorgen, dass der amerikanische Traum geplatzt und die Zeit des allgemeinen Wohlstands vorbei ist. Auf die Frage, welches Wort ihnen als erstes einfällt, wenn sie über ihr Land nachdenken, entschieden sich die meisten für "Frust", gefolgt von "Angst" und "Wut".

Wenn Trump in Hochform ist, gelingt es ihm, solche Gefühlslagen aufzugreifen und rhetorisch auszuschmücken. Dann zeichnet er ein düsteres Bild seines Landes: Auf dem internationalen Handelsparkett wird es demnach von China vorgeführt; unzählige Jobs sind wegen der Abwanderung von Firmen nach Mexiko verloren gegangen; die Grossstadt-Zentren gleichen Kriegszonen, in denen Einwandererbanden ihr Unwesen treiben. Bei vielen Wählern kommt das an. Robert Adams etwa findet, dass Trump grundsätzlich richtig liegt. "Ich denke, in den grossen Städten herrscht die Hölle", sagt der 75-Jährige aus dem dünn besiedelten Bundesstaat Idaho.

Wie etwa ein Fünftel aller Wähler hat sich Adams jedoch noch nicht festgelegt, bei wem er am 8. November sein Kreuzchen machen will. Bei den insgesamt drei TV-Debatten geht es nicht zuletzt vor allem darum, diese Gruppe zu erreichen. Doch nachdem Adams sich das TV-Duell am Montagabend angesehen hat, ist er weder von Clinton noch von Trump überzeugt. Stattdessen neige er nun zu Gary Johnson von der Libertären Partei. Der Ex-Republikaner bewirbt sich ebenfalls ums Weisse Haus, hat aber praktisch keine Chance.

Der republikanische Polit-Stratege Ron Bonjean räumt ein, dass sich viele unentschiedene Wähler nach Trumps Auftritt fragen dürften, ob der Milliardär wirklich in der Lage sei, die USA zu führen. Trump müsse überzeugend darlegen, dass er eine verlässliche Alternative sei. "Ich denke, man darf darüber diskutieren, ob ihm das gelungen ist."

Wirksamkeit verpufft

Dabei war Trump in die Debatte mit Clinton stark gestartet. Er hielt sich zunächst an sein Kernthema, die Erosion der US-Industrie und mit ihr das Aus für Tausende Fabrikarbeiterjobs. Doch es dauerte nicht lange, da wurde er dünnhäutig, vor allem als Clinton seine Erfolge als Geschäftsmann infrage stellte, ihm Rassismus und Sexismus vorwarf und ihn darauf festnagelte, dass er - anders als im US-Wahlkampf üblich - seine Steuererklärung nicht öffentlich machen wolle.

Trumps Botschaft sei dann gelegentlich in einer Lawine von Übertreibungen untergegangen, die eine Steilvorlage für spöttische Kommentare Clintons gewesen seien, hat der Politologe Christopher Devine von der University of Dayton in Ohio beobachtet. "Er zeigt ein Problem auf, das den Menschen Sorgen macht. Aber vor lauter Aufregung über sein Argument übertreibt er und stellt Behauptungen auf, die er nicht aufrechterhalten kann. Und dann geht die Wirksamkeit verloren."

Dabei müsste die tiefe Sehnsucht vieler Amerikaner nach Wandel eigentlich Trump in die Karten spielen. Als ehemalige Aussenministerin unter Präsident Barack Obama, als frühere First Lady und als Ex-Senatorin gilt Clinton vielen als klassische Vertreterin des ungeliebten Washington-Establishments, dem man nicht über den Weg trauen könne. Sie versucht es denn auch gar nicht erst, einen vollkommenen Neuanfang in Aussicht zu stellen. Stattdessen bietet sie an, dort an den Stellschrauben zu drehen, wo es nötig sei, um mehr Jobs zu schaffen und die gesellschaftliche Ungleichheit zu verringern.

Bei Nancy Willhite hinterliess Clintons vom Ton her insgesamt positivere Botschaft einen guten Eindruck. "Sie scheint mir mehr Kontakt zur Realität zu haben", sagt die bislang unentschiedene 61-Jährige aus Oregon. Für Clinton dürften solche Wahrnehmungen am Ende ein wichtiger Vorteil sein.

(Reuters)