Vom kranken Mann zum Kraftprotz - Die Euro-Zone wächst stärker

Die Euro-Zone wächst immer stärker und steigt damit zu einem der Hoffnungsträger der Weltwirtschaft auf.
01.08.2017 14:12
Euro-Symbol vor dem ehemaligen Sitz der Europäischen Zentralbank in Frankfurt.
Euro-Symbol vor dem ehemaligen Sitz der Europäischen Zentralbank in Frankfurt.
Bild: cash

Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) legte im zweiten Quartal um 0,6 Prozent zu, wie die Brüsseler Statistikbehörde Eurostat am Dienstag mitteilte. Damit war der Zuwachs doppelt so kräftig wie in Grossbritannien, dessen Wirtschaft unter der Unsicherheit im Zuge des geplanten EU-Austritts leidet. Im ersten Quartal war das Plus in den 19 Staaten der Währungsunion mit 0,5 Prozent bereits stärker als in den USA. "Während die Euro-Zone noch bis vor kurzem als kranker Mann galt, kommt die Genesung nun erstaunlich schnell voran", sagte Ökonom Thomas Gitzel von der VP Bank in Vaduz.

Auch wenn die Brüsseler zunächst keine BIP-Daten für einzelne Länder vorlegten, dürfte Deutschland erneut eines der Kraftzentren gewesen sein: "Die hiesige Wirtschaft profitiert vom breiten Aufschwung in den grossen Euro-Staaten. Im zweiten Quartal ist ein Wachstum von 0,6 Prozent drin", sagte Chefvolkswirt Uwe Burkert von der Landesbank LBBW. Ob er Recht behält, wird sich Mitte des Monats zeigen, wenn die deutschen Statistiker die neuen Zahlen präsentieren. Für Frankreich liegen sie bereits vor: Das BIP stieg hier von April bis Juni das dritte Quartal in Folge um 0,5 Prozent.

Auch Spanien ist längst aus dem Konjunkturtal heraus und zählt mit einer Wachstumsrate von zuletzt 0,9 Prozent sogar zur Spitzengruppe in der Währungsunion. Ein Nachzügler bleibt jedoch Italien: Die Wirtschaft des von hoher Staatsverschuldung und einem riesigen Berg fauler Kredite im Bankensektor belasteten Landes dümpelt seit langem vor sich hin: Auch im ersten Quartal fiel das Plus mit 0,4 Prozent recht mager aus.

Wachstum auf breiter Front

Dass Südstaaten wie Italien nunmehr aber immerhin auf Wachstumskurs eingeschwenkt sind, stimmt Ökonom Michael Holstein von der DZ Bank optimistisch: "Während in den vergangenen Jahren positive Entwicklungen in Staaten - wie etwa Deutschland - durch Rückschläge in südeuropäischen Staaten konterkariert wurden, geht es inzwischen in allen europäischen Ländern aufwärts." Für die Jahre 2017 und 2018 sagen die jüngsten Prognosen der EU-Kommission Wachstum in allen Staaten des Euro-Raums voraus: "Damit steigen die Chancen auf ein sich selbst verstärkendes Wachstum", so der Ökonom.

Auch EZB-Chef Mario Draghi spricht von einer "kräftigen Erholung" und hat für den Herbst eine Diskussion in Aussicht gestellt, um über die Zukunft der von der Zentralbank betriebenen Geldschwemme zu beraten. Sie hat bereits Wertpapiere im Volumen von mehr als zwei Billionen Euro in ihre Bücher genommen, um die Konjunktur anzuschieben und die aus ihrer Sicht unerwünscht niedrige Inflation anzuheizen.

Auch wenn der Preisanstieg trotz aller Geldspritzen bislang nicht richtig in Gang gekommen ist, sind die Konjunkturaussichten rosig: "Nach dem starken zweiten Quartal sind jetzt für 2017 sogar mehr als zwei Prozent Wachstum drin", sagte Chefökonom Jörg Zeuner von der Förderbank KfW. Damit würde der Währungsraum in dieser Hinsicht wieder in einer Liga mit der seit längerem brummenden US-Wirtschaft spielen: Der Internationale Währungsfonds veranschlagt für die Vereinigten Staaten ein Wachstum von 2,1 Prozent in diesem Jahr. In der weltgrössten Volkswirtschaft sorgt sich die Notenbank aber um das Investitionsklima, da Präsident Donald Trump noch keines seiner Grossvorhaben wie etwa die Gesundheits- oder Steuerreform durch den Kongress gebracht hat.

(Reuters)