Warum Chinas Lage immer noch unsicher ist

Der Brexit verdrängt China aus den Schlagzeilen. Doch ein Jahr nach den Börsenturbulenzen aus Fernost bleibt die Lage verworren, vor allem bei den Wachstumszahlen. Dabei spricht der China-Aktienmarkt eine klare Sprache.
21.06.2016 01:05
Von Marc Forster
Chinas Regierung geht Wirtschaftsreformen nur zögerlich an.
Chinas Regierung geht Wirtschaftsreformen nur zögerlich an.
Bild: Pixabay

Aufgeschreckt war die Weltwirtschaft vor einem Jahr: Im Juni 2015 begann nach einem steilen Anstieg in einem offensichtlich überhitzten Aktienmarkt der Ausverkauf. Wachsende Konjunktursorgen liessen die Anleger nervös werden. Der Shanghai Composite Index fiel innerhalb eines Monats von 5166 auf 3686 Punkte, bevor er überhaupt zu einem ersten Erholungsversuch ansetzte. An den zwei anderen grossen Handelsplätzen Hongkong und Shenzhen sah die Lage ähnlich aus.

Um weltweiten Rezessionsängsten zu begegnen, begannen Regierung und Notenbank sofort mit Eingriffen, unter anderem über die Abwertung der Landeswährung Yuan und regulatorische Eingriffe in den Aktienmarkt. Einige Massnahmen verfehlten ihre Wirkung total: Der Beschluss, deutlich fallende Aktien vom Handel auszusetzen, stabilisierten die Lage nicht, sondern führten im Januar zu neuen Kursstürzen. Die Massnahme wurde schnell wieder aufgehoben.

Was ist inzwischen passiert? Die Einschätzungen zu Chinas Konjunkturentwicklung gleichen seit dem vergangenen Sommer immer ein bisschen dem Vergleich vom halbvollen und dem halbleeren Glas. Im ersten Quartal soll die zweitgrösste Volkswirtschaft der Welt um 6,7 Prozent gewachsen sein. Das ist zwar so wenig wie seit sieben Jahren nicht mehr, aber über der psychologisch wichtigen 6-Prozent-Hürde. Die Regierung sagte, die Lage habe sich seit Anfang Jahr stabilisiert, aber andere Stimmen warnen vor neuen Risiken.

Frühere Fehler korrigiert

Die Regierung habe sicherlich einige frühere Fehler korrigiert, sagt Daryl Liew, der als Portfolio-Manager für die Genfer Privatbank Reyl in Singapur tätig ist, im cash-Video-Interview: "Mehr staatliche Ausgaben für die Wirtschaft und gezielte Massnahmen haben dazu geführt, dass die Zahlen in den vergangenen Monaten recht robust ausfielen."

Im März hat die chinesische Regierung vor dem Volkskongress weitere Reformen angekündigt. Ein neuer Fünf-Jahres-Plan soll den Weg zu mehr Markt und weniger Staat ebnen. Positiv sei, dass die Regierung dabei das Überangebot in der Stahl- und Kohleindustrie auf die Agenda gesetzt habe, sagt Liew. Auch das Problem der Banken mit faulen Krediten werde angegangen.

Die Staatsführung habe aber auch die Tendenz, bei Reformen erst zwei Schritte vorwärts zu gehen, um dann wieder einen Schritt rückwärts zu machen. "Man kann aber immer die Frage stellen, ob noch mehr getan werden könne", sagt Liew.

Daryl Liew, Portfolio-Manager bei Reyl Singapur, im cash-Video-Interview.

Nach Einschätzung von Heinz Rüttimann, Marktspezialist für Schwellenland-Aktien bei Julius Bär, setzt China derzeit mehr auf Wachstum als auf Reformen, und dies mithilfe von Infrastrukturausgaben. "Reformen würden das Wachstum kurzfristig ja eher bremsen. Mit Fiskalausgaben, Geldmengenausweitung und Zinssenkungen soll das Wachstum angetrieben werden." 

Der Aktienmarkt spreche aber eine eigene Sprache. In einem normalen Umfeld würden Aktien zu einem Kurssprung ansetzen. China hingegen zeige seit Jahresanfang die schlechteste Performance von allen Schwellenländern: "Das heutige Marktverhalten vieler Investoren ist nicht rational und vor allem Stimmungs- und Momentumgetrieben", sagt Rüttimann.

Der Shanghai-Composite-Index in den vergangenen fünf Jahren. Gut sichtbar sind der starke Anstieg und jähe Fall der Kurse Mitte 2015 sowie der Einbruch im Januar 2016 (Quelle: bloomberg.com).

Die Entwicklung des Aktienmarktes ist für die Experten wichtig zur Einschätzung der Wirtschaftsentwicklung, zumal es, wie auch Daryl Liew von der Banque Reyl betont, einige Zweifel an der Zuverlässigkeit der offiziellen Daten gibt. In Singapur sieht man die Lage relativ gut: Der Markt der chinesischen H-Aktien - also Aktien von Festland-Firmen, die in Hongkong gehandelt werden - sei mit Kurs-Gewinn-Verhältnisse von 6,5 sehr tief bewertet.

"Viele der schlechten Neuigkeiten sind schon eingepreist." Als problematisch sieht Liew vor allem den Finanzsektor, aber bei Verbrauchsgüter-Unternehmen beispielsweise sei die Lage wesentlich besser.

«Aktienkurse wichtiger als BIP-Zahlen»

Heinz Rüttimann von der Bank Julius Bär beobachtet die Kurse ebenfalls genau: "Für mich sind die Gewinnentwicklung und die Zeichen des Aktienmarktes wichtiger als die reinen BIP-Wachstumszahlen. Viele Unternehmen haben immer noch ein Verschuldungsproblem, und die Gewinnentwicklung ist nicht überall gut."

Dies sei besonders bei den in Shanghai gelisteten Unternehmen so. Auf solche Unternehmen ziele das Wachstumsprogramm der Regierung besonders ab, sagt Rüttimann. In Shanghai sind die A-Aktien gelistet, die in der Landeswährung Yuan gehandelt werden und die ursprünglich nur von Chinesen gekauft werden konnten.

Risiken bleiben

Konjunkturell sind die Risiken aber immer noch gross für China. Die Tiefzinspolitik der Notenbank verstärkt die Gefahr einer Blase am ohnehin schon heiss laufenden Immobilienmarkt. "Die Regierung steht vor dem Dilemma, ob sie mit dem Bauboom die Konjunktur weiter stützen oder ob sie die Immobilienblase rechtzeitig in den Griff bekommen möchte", schrieb die Liechtensteiner VP Bank in einem im Mai veröffentlichen Marktkommentar.

Auch der Umbau von einer exportorientierten Wirtschaft hin zu mehr auf den Binnenkonsum ausgerichteten Ökonomie ist nicht ohne Risiken. Die Angst, dass dieser Veränderungsprozess eine Wachstumsdelle bewirken könnte, erklärt zum Teil die Fokussierung der Regierung auf Wachstumsausgaben. Zum Beginn des Volkskongresses im März bereitete Premierminister Li Keqiang das Milliardenvolk jedenfalls auf schwierigere Zeiten vor: "Der Abwärtsdruck auf die Wirtschaft steigt", sagte der auch im Westen angesehene Regierungschef.

Im cash-Video-Interview äussert sich Daryl Liew von der Banque Reyl auch zur Öffnung des chinesischen Aktienmarktes und zu den Auswirkungen der China-Konjunktur auf Südostasien. Er nimmt zudem eine Einschätzung zur Lage von schweizerischen und europäischen Vermögensverwaltern im asiatischen Markt vor.