Warum deutsche Banken gegen die neuen Basel-Kapitalregeln sind

Deutschland wehrt sich vehement gegen den Vorschlag, einen global gültigen Standard zu setzen, nach dem Banken künftig ihren Kapitalbedarf kalkulieren müssen.
08.01.2017 02:07
Der Basler Ausschuss für Bankenaufsicht ist bei der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel angesiedelt.
Der Basler Ausschuss für Bankenaufsicht ist bei der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel angesiedelt.
Bild: cash

Das verwundert nicht, denn die größten deutschen Kreditinstitute gehören zu den schwächsten der Branche, wenn es um die Frage ihrer Risikobewertung geht.

Wenn der Basler Ausschuss für Bankenaufsicht wie geplant eine Grenze festlegt, bis zu welchem Maße eine Bank bei der Risikogewichtung ihrer Vermögenswerte von standardisierten Maßstäben abweichen darf, wären die Deutsche Bank und die Commerzbank weitaus stärker betroffen als die meisten anderen großen Geldhäuser. Eventuell müssten sie sogar zusätzliches Kapital aufnehmen, wenn die Reform käme. Bei der Deutschen Bank etwa machen die risikogewichteten Aktiva laut internen Kalkulationen gerade 28 Prozent der Bilanzsumme aus, verglichen mit 50 Prozent bei den sechs größten US-Banken, wie aus Daten hervorgeht, die Bloomberg zusammengestellt hat.

Deutsche Banken erklären diesen Unterschied damit, dass ihre Vermögenswerte generell weniger risikobehaftet seien als die von Banken andernorts. Das ist eine Sichtweise, die auch von Vorstandsmitgliedern der Deutschen Bundesbank vertreten wird. US-Aufseher und eine Gruppe von Ökonomen, die die Bundesregierung berät, halten allerdings dagegen. Die Banken hätten das System viel zu lange ausgetrickst, das müsse sich ändern. Der Basler Ausschuss hat Studien vorgelegt, wonach die Abweichungen in der Risikogewichtung von Banken nicht allein mit Unterschieden in den Portfolien erklärbar sind.

Bis zum 8. Januar sollte eigentlich ein Kompromiss in dieser Frage stehen. Dann wollten die Spitzenvertreter des Basler Ausschusses erneut zusammentreten. Doch der öffentliche Widerstand aus Deutschland hat die Stimmung getrübt. Am Dienstag wurde der Termin verschoben. Es sei mehr Zeit für einige finale Feinjustierungen erforderlich, um die Rahmenvereinbarung abschließen zu können, erklärte der Basler Ausschuss.

"Unangemessene Abweichungen" bei der Risikogewichtung

Es gebe zwar einige unangemessene Abweichungen bei der Risikogewichtung, räumt Dirk Jäger ein, der in der Geschäftsführung des Bundesverbands deutscher Banken für Bankenaufsicht und Bilanzierung zuständig ist. Doch die Festlegung von generellen Standards sei der falsche Weg, das Problem zu lösen. Damit würden nämlich auch die angemessenen Unterschiede bei der Ermittlung von Bankrisiken eliminiert. "Eine Hypothek in Deutschland ist nicht so riskant wie eine Hypothek in einigen anderen Ländern, wo es viele Jahre länger dauert, bis eine Immobilie zwangsversteigert wird."

Sprecher der Deutschen Bank und der Commerzbank wollten sich zu dem Thema nicht äußern. Spitzenmanager der Deutschen Bank haben jedoch öffentlich ähnliche Bedenken vorgebracht wie Jäger.

Ob eine Bank die Grenze bei der Bewertung ihrer Risiken überschreitet, soll auf Basis standardisierter Risikogewichtung ermittelt werden, die die Regulierer vorgeben. Eine mit AAA bewertete Unternehmensanleihe bekäme eine bestimmte Gewichtung, ganz unabhängig davon, wo sie ausgegeben wurde. Dasselbe gilt auch für Immobilienkredite. Ein Kompromiss, der im vergangenen Monat noch als viel versprechend galt, sah vor, den Grenzwert bei 75 Prozent zu setzen. Das würde bedeuten, dass eine Bank ihre internen Modelle zur Risikobewertung so lange nutzen kann, wie das Ergebnis nicht unter 75 Prozent des Wertes bleibt, der sich bei einer standardisierten Risikokalkulation derselben Vermögenswerte ergäbe.

In einem solchen Fall soll dann die Standardversion der Risikobewertung die Basis dafür sein, den nötigen Kapitalbedarf einer Bank zu ermitteln. Zwar haben die deutschen Mitglieder im Basler Ausschuss das Konzept eines Grenzwerts für die Risikoabweichung grundsätzlich abgelehnt, dennoch halten es einige Basel-Mitglieder und Analysten für möglich, dass sie bei einem geringeren Grenzwert doch noch zustimmen könnten. Die ursprüngliche vom Ausschuss diskutierte Spanne reichte von 60 Prozent bis 90 Prozent.

Die Reaktion anderer Länder

Schweden hatte sich ebenfalls gegen eine 75-Prozent-Grenze gewandt, weil schwedische Banken mehr Hypothekenkredite in ihren Bilanzen halten als die anderer Länder. Der Immobilienmarkt des skandinavischen Landes ist historisch gesehen stabil, weshalb schwedische Aufseher und Banken argumentieren, Hypotheken seien tatsächlich weniger riskant als dies die standardisierten Bewertungen zeigten. Auf diese Weise lässt ein größerer Anteil von Hypotheken die Risikogewichtung im Vergleich zur Bilanzsumme gering erscheinen. Der Hypothekenbestand der beiden größten deutschen Banken dagegen ist mit dem der Top-US-Adressen vergleichbar.

Spanien hat sich in der Debatte nicht hervorgetan, obwohl auch die dortigen Banken größere Bestände an Wohnimmobilien haben. Einige spanische Institute gehören zur Gruppe der Institute mit den höchsten Risikogewichtungen in Europa, womöglich Folge eines riskanteren Immobilienmarktes oder härterer Anforderungen örtlicher Aufseher im Hinblick auf die Risikobewertung dieser Banken.

Japan und Frankreich haben ihren anfänglichen Widerstand gegen die Basel-Veränderungen unterdessen aufgegeben, nachdem im vergangenen Monat bei 75 Prozent eine Kompromisslinie gefunden wurde. Deutschland und Schweden lehnten die Veränderungen weiter ausdrücklich ab.

Die erhöhte Risikogewichtung, wie sie bei der Deutschen Bank zu erwarten wäre, ginge nach Schätzungen von Keefe, Bruyette & Woods überwiegend vom Unternehmenskreditgeschäft aus. Hypothekenkredite stünden dagegen nur für weniger als 10 Prozent der zu erwartenden Erhöhung. Würde ein Grenzwert von 75 Prozent die Regel, bliebe die Deutsche Bank bis 2025 mehr als einen Prozentpunkt hinter ihren angepeilten Kapitalquoten zurück, schätzt KBW. Demgegenüber dürften die meisten anderen Banken ihre Quotenziel mit der Einbehaltung von Gewinnen erreichen.

Drei Komponenten

Risikogewichtung besteht aus drei Komponenten: Kredit, Markt und operatives Geschäft. Kredit bewertet die Risiken bei allen Ausleihungen -- Unternehmenskrediten, Hypotheken und Kreditkarten. In der Komponente Markt werden die Risiken von Wertpapieren im Handelsportfolio und von etwaigen Veränderungen der Marktbedingungen untersucht. Mit operativen Risiken werden potenzielle Verluste abgeschätzt, die auf ein Versagen der internen Kontrollen zurückgehen, darunter illegale Handelsgeschäfte oder Verstöße gegen Gesetze zum Schutz vor Geldwäsche.

Nach den diskutierten Vorschlägen würde der Einsatz interner Modelle zur Abschätzung operativer Risiken komplett wegfallen zugunsten von Standardkalkulationen, die auf jüngsten Straf- und Vergleichszahlungen der jeweiligen Bank basieren. Die KBW-Analysten schätzen, dass dadurch die Risikogewichtung von allen Banken um 16 Prozent in die Höhe gehen würde. Keine Veränderungen sind bei der Ermittlung von Marktrisiken vorgesehen, bei denen nur teilweise Standardrechnungen zum Einsatz kommen. Die diskutierten Grenzwerte kommen also nur bei Kreditrisiken ins Spiel, wo es zu erheblichen Abweichungen bei internen und standardisierten Modellen kommen kann.

Während einige der Veränderungen, die der Ausschuss erwägt, alle Banken beträfe, wären die Grenzwerte nur für die größten Finanzkonzerne von Belang, weil nur sie eigene Modelle bei der Risikogewichtung einsetzen. Die übrigen setzen ohnehin auf jene Standardkalkulationen, die die Bankenaufseher entwickelt haben.

Übergangsregelung wurde verlängert

Als der Basler Ausschuss 1988 globale Kapitalstandards setzte, mussten die Banken ihre Risiken mit Hilfe von Standardformeln kalkulieren, die die Aufseher ihnen setzten. 2004 im Zuge der Einführung von Basel II wurde ein Wechsel zu internen Risikomodellen möglich. Der Ausschuss führte seinerzeit übergangsweise bereits eine Mindestgrenze ein.

Danach durfte die Risikogewichtung nicht unter 80 Prozent des Wertes fallen, der nach den Basel-I-Regeln maßgeblich war. Diese Übergangsregelung wurde verlängert, als die Bankenregulierung im Zuge von Basel III 2010 überholt wurde. Allerdings wurde sie in der Praxis schon nicht vollständig umgesetzt, wie Ausschussmitglieder sagen.

Für US-Banken würde sich nach der geplanten Reform wenig ändern. Sie sind nach dem Dodd-Frank Act bereits seit 2010 gezwungen, den jeweils höheren Wert der Risikogewichtung anzuwenden, wie er sich aus internen Modellen oder Standardberechnungen ergibt. Fünf der sechs größten US-Banken könnten weiter auf ihre internen Modelle setzen, weil sie damit über der 75-Prozent-Grenze lägen, wie von Bloomberg zusammengestellte Daten zeigen. Sollte die Grenze bei 70 Prozent oder darunter liegen, um die Deutschen zu besänftigen, so lägen alle Banken mit ihren internen Risikomodellen darüber.

(Bloomberg)