Was die EZB mit Aktienkäufen erreichen kann

Mit Aktienkäufen würde die EZB eine neue und umstrittene Stufe ihrer Politik des lockeren Geldes zünden. Was nützen solche Käufe? Und wie unterscheiden sich die Aktienkäufe von denjenigen anderer Notenbanken wie der SNB?
26.10.2016 23:00
Von Marc Forster
Als Notenbank bald Grossaktionär von Firmen? Sitz der Europäischen Zentralbank in Frankfurt.
Als Notenbank bald Grossaktionär von Firmen? Sitz der Europäischen Zentralbank in Frankfurt.
Bild: Pixabay

Hätte Mario Draghi Mitte 2012 nicht eingegriffen, wäre die Eurozone möglichweise auseinandergebrochen: Die damalige Ankündigung des Präsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB), "alles notwendige" zur Stabilisierung der Einheitswährung zu tun, hat die Situation oberflächlich beruhigt - bis heute. Aber was umfasst "alles notwendige"?

2012 bewirkte allein schon Draghis Aussage eine Befriedung der Märkte. Später begann die EZB mit dem Aufkauf von Staatsanleihen. Die Massnahme bleibt umstritten. Ein Nebeneffekt ist, dass sie vor allem den hoch verschuldeten Ländern in Südeuropa nützt und den Reformdruck von den Regierungen nimmt. Primär in Deutschland kritisieren Politiker und die Bundesbank das Vorgehen seit Jahren.

Seit diesem Jahr erwirbt die EZB nun auch, als neue Stufe, Unternehmensanleihen. Aufgrund einer zu schwachen Kreditvergabe will die Euro-Notenbank in Frankfurt die Konjunktur ankurbeln, indem sie Unternehmen die Schuldtitel abkauft. Auch diese Massnahme stösst nicht überall auf Gegenliebe, denn sie verzerrt mittlerweile stark die Märkte für "Corporate Bonds". Das Programm, das aktuell Käufe in Höhe von 80 Milliarden Euro im Monat umfasst, soll bis nächsten März laufen. Eine weitere Ausdehnung wird diskutiert.

Notenbanken investieren passiv

Das Problem ist nur, dass die EZB immer weniger geeignete Anleihen findet, die sie kaufen kann. Für den Fall, dass sich die Eurozone weiter nicht richtig erholt, ist der nächste Gedanke daher, Aktien zu kaufen. Die EZB würde mit dieser Entscheidung denselben Pfad beschreiten wie die Bank von Japan, die ihre Lockerungspolitik besonders hemmungslos betreibt. Die Zentralbank in Tokio kauft ETF, also Fonds, die auf Aktienindices basieren.

Beobachter vermuten, dass die japanischen Währungshüter über diese passiven Investments vor allem bei einheimischen Blue Chips zugreifen, denn der Nikkei mit den gross kapitalisierten Werten entwickelt sich besser als der breiter gefasste Topix-Index. Je mehr eine solche Politik voranschreitet, desto eher wird eine Notenbank damit potenziell Grossaktionär von gewissen Unternehmen - zumindest indirekt, wenn ETF gekauft werden.

Die Lockerungspolitik der Notenbanken – ausser der EZB und der Bank von Japan betreibt eine solche auch die Bank von England, und die Federal Reserve in den USA griff nach der Finanzkrise jahrelang zu diesem Mittel – verzerrt die Aktienmärkte bereits seit längerem. Weil sie Obligationen unattraktiver macht, greifen die Anleger mehr zu Aktien. Die Notenbanken sind ein wichtiger Grund, weswegen viele Aktienmärkte in den letzten Jahren Kursanstiege verzeichneten. Würden diese nun direkt Aktien kaufen, könnte der Verzerrungseffekt noch grösser werden.

Wäre ein Konjunktureffekt spürbar?

Erreicht eine Notenbank dafür ihr Ziel, per Aktienkäufe die Wirtschaftslage zu verbessern? Ökonom Karsten Junius von der Bank J. Safra Sarasin sagt, der Effekt könne "leicht positiv" für die Konjunktur sein. Die Aktienkäufe würden zum einen die Vermögenspreise erhöhen, wodurch sich bei Investoren die Bereitschaft zu investieren und zu konsumieren grösser werde, wie er im Gespräch mit cash.ch sagt.

"Zum andern würden Kapitalerhöhungen in einem solchen Umfeld leichter", sagt Junius weiter. Aktienkäufe der EZB würden zwar den Unternehmen direkt nicht mehr Kapital geben, weil ja nur die Aktien den Besitzer wechselten. Durch das günstige Umfeld kämen die Unternehmen aber auch leichter an Eigenkapital.

SNB ist bereits Aktienhändler

Wirtschaftsexperte Junius hat sich vor einigen Monaten bereits grundsätzlich positiv zu möglichen EZB-Aktienkäufen geäussert, aber auch mit einer anderen Begründung. Der wichtigere Effekt von Aktienkäufen wäre ihm zufolge ihre Auswirkung auf die Zusammensetzung der EZB-Bilanz, welche die EZB derzeit stetig ausweitet: "Stabilität, Liquidität und Ertrag ihrer Bilanz würden sich verbessern. Aus diesem Blickwinkel hätten EZB-Aktienkäufe positive Aspekte."

Aus dieser Warte betrachtet würde die EZB einen ähnlichen Weg einschlagen wie die Schweizerische Nationalbank (SNB), die auch Aktien kauft. Ende Juni waren 20 Prozent der Devisenreserven von 615 Milliarden Franken in Aktien angelegt - Tendenz in den letzten zwei Jahren stark steigend. Gelegentlich wird daher in der Diskussion um mögliche Aktienengagements der EZB die SNB als Notenbank genannt, die bereits Aktien kauft.

Der Vergleich ist aber nicht ganz zutreffend. Anders als dies im Zusammenhang mit der EZB im Gespräch ist will die SNB mit Aktienkäufen nicht direkt die Konjunktur antreiben. Sie kauft die Aktien, um ihr eigenes Finanzmanagement zu strukturieren und Schwankungen im Anlageergebnis auszugleichen. Ein konjunktureller Zusammenhang besteht nur insofern, dass die Anlagepolitik aktuell durch die Devisenkäufen zur Abschwächung des Frankens beeinflusst wird.

ETF-Strategie bringt Risiken

Die SNB wird für ihre Aktienpolitik kritisiert, aber aus anderen Gründen wie man die Bank von Japan oder vielleicht demnächst die EZB kritisiert. Bei der SNB sind einige fragwürdige Investments bekannt geworden. Auch die SNB kauft auschliesslich passive Indexfonds aus Industrie- und Schwellenländern. Wo genau die SNB in den Aktienmarkt investiert ist, ist nicht bekannt. Ausser in den USA, wo die Börsenaufsicht SEC solche Offenlegungen verlangt.

Somit weiss man, dass die SNB beispielsweise beim kanadischen Pharmaunternehmen Valeant investiert und dort gar einer der grössten Einzelaktionäre ist. Bilanztricksereien und Imageprobleme haben der Firma geschadet, und ihr Börsenkurs ist seit August 2015 von 257 auf 22 Dollar gefallen.

Mit ihrer ETF-Ausrichtung kauft die SNB zahlreiche Aktien mit, die sie sich mit mit individuellem Stock Picking bei genauerem Hinsehen nicht aneignen würde. Würde die EZB ebenfalls mit ETF-Käufen anfangen, könnte sie in eine ähnliche Situation geraten und daher noch mehr Kritik auf sich ziehen.