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Was ist bloss mit Brasilien los?

In gut drei Wochen fällt in Brasilien der Startschuss zur Fussball-WM. Doch die Vorfreude im Land hält sich in Grenzen. cash startet heute Mittwoch eine Artikelserie zum weltgrössten Sportevent.
21.05.2014 00:55
Von Daniel Hügli, Chefredaktor cash
Daniel Hügli, Chefredaktor cash.
Daniel Hügli, Chefredaktor cash.
Bild: cash

Vor über 20 Jahren erfüllte ich mir einen Bubentraum: Ich besuchte zum ersten Mal das legendäre Maracaña-Stadion in Rio de Janeiro. Und ich gebs gerne zu: Aus Ergriffenheit musste ich mir damals ein, zwei Tränen aus den Augen wischen.

Ich erinnere mich bei diesem und weiteren Besuchen an ein riesiges Rund, an breite Stehrampen, auf denen mehrere Leute hintereinander Platz hatten, an wilde Fans, die diesen Platz mit ihren Tänzen gründlich auskosteten. Das Stadion für die WM 1950 wurde bewusst ausladend gebaut. Alle im Stadion sollten die gleiche Sicht aufs Spielfeld haben, es gab freie Stehplatzwahl, die Eintrittspreise waren selbst für Einheimische bescheiden.

Heute, nach einem 130-Millionen-Franken-Umbau, der eher ein Neubau ist, sieht das Stadion aus wie jedes andere moderne Grossstadion auf der Welt. Mit Sitzplätzen, Logen, Einkaufsmöglichkeiten, auch die Eintrittpreise haben ein stolzes Niveau erreicht. Die Stimmung im Stadion soll dem Vernehmen nach schlecht sein, wenn vor wenigen tausend Zuschauern Meisterschaftsspiele ausgetragen werden. Viele Brasilianer sprechen beim Maracaña-Schicksal von "kulturellem Mord".

Das Stadion ist gleichsam zum Symbol für den Widerstand gegen die Fussball-WM geworden. Ein Widerstand, der die Welt in Erstaunen versetzt. Seit einem Jahr gibts in Brasilien Strassenschlachten, Streiks und Demonstrationen. Hardcore-Aktivisten wollen im Juni und im Juli gar gezielt WM-Spiele sabotieren und verhindern.

Wer glaubt, der Widerstand schwappt aus den Armensiedlungen in die feinen Strassen São Paulos oder Rios, irrt gewaltig. "Es ist unglaublich, was mit den Geldern für die WM passiert. Diese Zustände sind wirklich eine Schande." Das sagt die erfolgreiche Architektin Moema Wertheimer im cash-Interview, das die Serie von cash-Beiträgen zur Fussball-WM eröffnet. Wertheimer, die in São Paulo ein Architekturbüro führt, spricht stellvertretend für viele Brasilianer, wenn sie sagt: "Wir brauchen bessere Schulen, Spitäler, Wohnungen und mehr Infrastruktur." Aus ihren Worten spricht die Enttäuschung vieler ihrer Landsleute, dass aus den vielen WM-Versprechen der Regierung nichts wurde. Und dass die Korruption in Brasilien wuchert wie selten zuvor.

Die Kritik der Brasilianer darf nur auf den ersten Blick erstaunen. Sie widerspiegelt eigentlich bloss die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklungen in den aufstrebenden Wirtschaftsnationen, den so genannten "Emerging Markets". In diesen Ländern geht die Einkommens- und Reichtumsschere weiter auf. Und dazwischen ist eine starke Mittelklasse herangewachsen, die ihre Wünsche und Begehrlichkeiten immer deutlicher artikuliert, wenn nötig mit Gewalt. Von ihnen wie auch von Unternehmern kommen Klagen wegen zu grosser Bürokratie und zu hoher Steuern.

Dazu kommt bei Schwellenländern die nach wie vor grosse Abhängigkeit von ausländischem Kapital und von der Geldpolitik führender Notenbanken. Seit die US-Zentralbank Signale eines Anziehens der Geldpolitik aussendet, kommt die brasilianische Wirtschaft noch weniger auf Touren als vorher. Ausländisches Kapital floss in Strömen ab. Es wird zu wenig investiert und konsumiert, die Inflation steigt, das BIP-Wachstum 2014 wird höchstens 2 Prozent erreichen.

Diese Faktoren sollten sich auch Investoren bewusst sein, die in Schwellenländer investieren wollen. Solchen Themen widmet sich dann ein weiterer Artikel in der cash-WM-Serie. Ich wünsche Ihnen eine  informative Lektüre. Und natürlich eine spannende Fussball-WM.