Weitet die SNB die Negativzinsen aus?

Es wäre fast ein Tabubruch: Die Krise der Finanzmärkte ist so gross, dass die Nationalbank die Negativzinsen auf minus 1 Prozent ausweiten könnte. Wie realistisch dieses Szenario ist und was die Treiber dazu sind.
10.07.2016 22:45
Von Marc Forster und Ivo Ruch
Die Augen richten sich einmal mehr auf die Schweizerische Nationalbank.
Die Augen richten sich einmal mehr auf die Schweizerische Nationalbank.
Bild: Bloomberg

Mit dem Brexit ist die Verunsicherung an den Finanzmärkten greifbar geworden. "Die Welt steht förmlich Kopf, die Unsicherheit ist extrem gross. Wir sehen das daran, dass nun alle 'Eidgenossen' im negativen Bereich sind", sagt Martin Neff, der Chefökonom der Raiffeisenbank. Eine zehnjährige Anleihe rentiert derzeit mit -0,6 Prozent (siehe Chart), aber auch für eine Laufzeit von 50 Jahren müssen Investoren drauflegen.

Rendite zehnjähriger Schweizer Bundsobligationen im Verlauf des letzten Jahres, Quelle: cash.ch

Für viele Beobachter ist deshalb klar: Der Markt erwartet von Schweizerischen Nationalbank (SNB) einen noch negativeren Zins. Auch Martin Neff hält eine Ausweitung der Negativzinsen nicht mehr für ausgeschlossen, wie er gegenüber cash sagt.

Es gibt mehrere Szenarien, die eine Kettenreaktion für weitere Negativzinsen auslösen könnte. Ein Szenario davon ist die Lage Italiens. Die viertgrösste EU-Wirtschaft stagniert, verliert an Produktivität und leidet vor allem auch an einem maroden Bankensektor. Italiens Banken sitzen auf rund 360 Milliarden Euro, bei denen Kunden Mühe mit der Rückzahlung haben. Das ist ein Drittel der faulen Kredite in der Euro-Zone. Die italienische Regierung möchte die angeschlagenen Banken mit einem milliardenschweren Rettungsfonds stützen. Allerdings ist noch nicht klar, ob ein solches Programm mit den EU-Bankrichtlinien vereinbar wäre.

Verschärft wird die Lage, weil das Land gemäss dem EU-Fiskalpakt sparen muss, wodurch Geld für Investitionen wegfällt. Die Anti-Euro-Partei Movimento Cinque Stelle gewinnt an Zuspruch, das Fern-Szenario einer Reihe von Prognostiker ist "Italeave", also der Austritt des Landes aus dem Euro.

EZB hat ein Problem mit der Inflation

Ein weiterer Unsicherheitsfaktor ist die Inflationserwartung in der Euro-Zone: Die Europäische Zentralbank (EZB) würde im Währungsraum gerne eine Teuerung von 2 Prozent sehen, doch die Kennzahl für den vergangenen Mai liegt bei -0,1 Prozent. Sollte sich die deflationäre Tendenz verschärfen, könnte die EZB ihren Leitzins ins Negative drehen. Dies könnte einen eigentlichen Wettlauf unter den Zentralbanken auslösen.

Karsten Junius, Chefökonom der Bank J. Safra Sarasin, erwartet seinerseits genau dieses Szenario und dass die SNB im September die Negativzinsen auf -1 Prozent ausweitet. Die Nationalbank werde damit die Zinsdifferenz wahren wollen, weil die EZB vorher die Zinsen auf -0,5 Prozent senken werde.

Die Euro-Notenbank in Frankfurt werde die Zinsen wegen der Deflationsgefahr, grossen Unsicherheiten und mangelndem Wachstum senken, sagt Junius. Die nächsten beiden EZB-Zinsentscheide stehen am 21. Juli und am 8. September an, die SNB folgt dann am 15. September.

SNB ist abhängig von Frankfurt

Die Einschätzung von Caroline Hilb, Leiterin Anlagestrategie der St. Galler Kantonalbank, verdeutlicht die Abhängigkeit der Schweizer Notenbank von den Entscheidungen, die in Frankfurt getroffen werden: "Die SNB dürfte die Zinsen nicht senken, solange die EZB den Hauptrefinanzierungszinssatz nicht senkt."

Hilb knüpft die Einschätzung aber auch an Bedingungen: "Dabei ist auch wichtig, dass der Franken nicht stärker wird und die SNB mit Deviseninterventionen wirksam eingreifen kann." Unter dem Strich will die SNB erreichen, dass Anlagen in Schweizer Franken weniger attraktiv sind als in anderen Währungsräumen – insbesondere im Euro-Raum.

Die EZB erreiche auch bei grösseren Unsicherheiten zunächst mit Liquiditätsprogrammen – zum Beispiel für die italienischen Banken – und einer Ausweitung des Quantitative Easing mehr als mit einer Zinssenkung. Allerdings sieht auch sie das Hauptthema bei der Inflation: "Eine Zinssenkung sehen wir vor allem für den Fall, dass die Inflationsrate zu stark sinkt."

Sparer müssten dran glauben

Welches SNB-Instrument – Negativzinsen oder Interventionen am Devisenmarkt – mehr Wirkung entfaltet, ist schwierig zu beurteilen. Fakt ist: Das Team von Thomas Jordan hat sich in den vergangenen Wochen rund um das Brexit-Votum mit rund elf Milliarden Franken gegen eine Aufwertung der heimischen Währung gestemmt.

Lediglich im Januar 2015, nach der Aufhebung des Euro-Franken-Mindestkurses, waren die wöchentlichen Eingriffe mit bis zu 26 Milliarden Franken höher. Die Eingriffe haben die SNB-Bilanz zuletzt auf 646 Milliarden Franken anschwellen lassen, was in etwa der Wirtschaftsleistung der Schweiz entspricht.

Bricht die SNB tatsächlich mit einem weiteren Tabu und drückt die Zinsen noch weiter in negatives Territorium, dann müsste mit zusätzlichen Nebenwirkungen gerechnet werden. Es würde beispielsweise Pensionskassen unter noch mehr Druck bringen, für ihre Versicherten attraktive Renditen zu erwirtschaften.

Auch die Verzinsung der Spargelder dürfte nicht unangetastet bleiben. Es ist gut möglich, dass in einem Szenario von -1 Prozent Zins noch mehr Banken die Gelder von Privatanlegern mit einem Strafzins belegen. SNB-Präsident Thomas Jordan geht davon aus, "dass die Weitergabe von Negativzinsen insbesondere an kleinere Retailkunden bei den Banken im Moment kein Thema ist", wie er im cash-Video-Interview Mitte Juni sagte.

Derzeit gibt mit der Alternativen Bank Schweiz erst ein Institut die Negativzinsen an die Kunden weiter. Bereits verbreiteter ist hingegen die Praxis, Negativzinsen an Unternehmens- und vermögende Privatkunden weiterzugeben.