Welthandel - IWF-Jahrestagung in Zeiten eines «Wetterwechsels»

Aus Sicht des Weltwährungsfonds IWF werden Risken in der Weltwirtschaft zur Realität. Eine Achillesferse bleibt allerdings auch die Verschuldung.
07.10.2018 13:40
Die IWF-Chefin Christine Lagarde.
Die IWF-Chefin Christine Lagarde.
Bild: Bloomberg

Der Ort des Treffens der weltweit wichtigsten Banker und Finanzpolitikern hätte nicht sinnbildlicher gewählt werden können. Bali im Indischen Ozean: Die idyllische Ferien-Insel, ab Montag Gastgeber der IWF-Jahrestagung, gehört zu Indonesien, einem Insel-Reich, das momentan von einer dramatischen Serie von Naturkatastrophen heimgesucht wird: Erdbeben, Vulkanausbrüche, ein Tsunami mit vielen Opfern.

Auch die in Bali erwarteten Tausendschaften von Finanzexperten sind mit düsteren Vorzeichen konfrontiert. Die Risiken werden zahlreicher, die Wachstumsraten kleiner. "Kurs halten", machte daher IWF-Chefin Christine Lagarde im Vorfeld klar. Modernisieren, Reformen und Risikomanagement tut not.

Die Zeiten, in denen Lagarde noch von Sonnenwetter in der Weltwirtschaft sprach, bei dem man "das Dach reparieren" sollte, neigen sich dem Ende. Von einem "ökonomischen Wetterumschwung" spricht die IWF-Chefin inzwischen. Etliche der seit Monaten beschworenen Risiken würden mittlerweile zur Realität.

Pendel schlägt um

Doch noch sieht Lagarde die Chance, sich gegen eine heraufziehende weltwirtschaftliche Schlechtwetterphase zu wappnen, mit Reformen und größeren Finanzpolstern mehr Widerstandsfähigkeit zu schaffen. Denn auch wenn sie für den kommenden Dienstag schon einmal eine Zurücknahme der IWF-Wachstumprognosen durch den Fonds andeutet - bislang wurde für die Weltwirtschaft in diesem und im nächsten Jahr ein stattliches Plus von jeweils 3,9 Prozent erwartet.

"Das Weltwirtschaftswachstum bewegt sich immer noch auf dem höchsten Niveau sei 2011", merkte Lagarde dieser Tage an. Noch sei die Arbeitslosigkeit in vielen Ländern im Sinkflug. Der Anteil der Menschen, die in extremer Armut lebten, liege auf einem Rekordtief von unter zehn Prozent der Weltbevölkerung.

Und dennoch: das Pendel schlägt um. Das bekommt auch ein Land wie Deutschland zu spüren, für das Finanzminister Olaf Scholz und Bundesbank-Präsident Jens Weidmann nach Bali reisen. Auf 1,7 oder 1,8 Prozent wird die deutsche Regierung nach Informationen von Insidern ihre Prognose für 2018 zurücknehmen - das ist immerhin ein halber Prozentpunkt weniger als noch im Frühjahr. Ein wesentlicher Grund: die Exporte laufen nicht mehr so lebhaft. Die von US-Präsident Donald Trump verfügten und angedrohten Zölle zeigen Wirkung.

Handel ganz oben

Das Thema Handel steht denn auch ganz oben auf der Agenda des IWF-Jahrestreffens, das am Rande von anderen hochrangigen Zusammenkünften begleitet wird, wie der Finanzminister der G20-Gruppe der führenden Schwellen- und Industrieländer. Wenn allein schon die beiden weltweit stärksten Volkswirtschaften, die USA und China, sich mit immer neuen Importzöllen überziehen, dann wirkt sich das unweigerlich auch auf den Rest der Welt aus.

Die Deutschen etwa klagen, dass sie schon deswegen betroffen sind, weil sie sowohl in den USA wie in China mit zahlreichen Firmen vertreten sind und damit die Zölle mit zu spüren bekommen. Aber auch der direkte Handelskonflikt der USA mit der EU ist nicht beigelegt - es gibt nur einen Waffenstillstand. Eine Lösung dafür allerdings wird in Bali sicher nicht gefunden. "De-Eskalation" ist immerhin das Ziel, dass sich Lagarde setzt.

Rekordhohe Verschuldung

Ein zweites Mega-Problem als Erblast der Finanzkrise 2008 beeinträchtigt die Weltwirtschaft und könnte, wenn es zu Krisen kommt, schnell zu einem Brandherd erster Ordnung werden: die Verschuldung. Von einer Rekordhöhe von 182 Billionen Dollar - privat und staatliche Schulden - spricht der IWF.

Das sind fast 60 Prozent mehr als vor der Finanzkrise im Jahr 2007. Die Folgen sind gefährlich: ziehen die Finanzierungsbedingungen an, steigen die Zinsen, dann könnte manches Land in Zahlungsprobleme rutschen. Zu denen, denen es hier an Vorsicht mangelt, zählen auch die USA, deren Schulden inzwischen deutlich über 100 Prozent der Jahres-Wirtschaftsleistung liegen. Und diese Quote wird laut Experten wegen Trumps Steuerpolitik weiter wachsen.

Das dritte Kardinalproblem, dass die IWF-Jahrestagung in Bali beschäftigen wird, sind die wachsenden Probleme vieler Schwellenländer, die angesichts der Zinswende in den USA Kapitalabflüsse und damit eine Beeinträchtigung ihrer Wirtschaftsentwicklung fürchten müssen. Ach wenn die aktuellen Währungskrisen in Argentinien und der Türkei nach Einschätzung der meisten Fachleute eher hausgemachte Ursachen haben, so belegen sie doch die Verwundbarkeit in vielen aufkommenden Volkswirtschaften, also auch von Ländern wie Indien oder Brasilien. Auch dieses Risiko sorgt in Bali für Gesprächsbedarf.

(Reuters)