«Wer länger lebt, muss auch länger arbeiten»

Die obligatorische Altersvorsorge in der Schweiz hat ein Finanzierungsproblem. Doch die Reformvorschläge sind laut AHV-Experte Bernd Raffelhüschen ungenügend. Für ihn gibt es nur eine Lösung, wie er im cash-Video sagt.
03.02.2016 15:07
Von Ivo Ruch
Bernd Raffelhüschen, Leiter Forschungszentrum Generationenverträge.
Bild: cash

Die Schweiz hat, wie viele andere Industrienationen auch, ein Problem: Die Bevölkerung wird immer älter. Dominiert wird die Altersstruktur von der "Baby-Boom"-Generation, der eine abnehmende Jugend und eine wachsende Zahl älterer Menschen gegenübersteht.

Das war früher anders, wie unten stehende Illustrationen zeigen. Während sich bis vor 60 Jahren die Schweizer Bevölkerung noch als Pyramide darstellen liess, bezeichnet Ökonom Bernd Raffelhüschen die Struktur heute als Bevölkerungs-Döner.

Quelle: Bundesamt für Statistik

Bernd Raffelhüschen, der das Forschungszentrum Generationenverträge an der Universität Freiburg im Breisgau leitet, hat zusammen mit Vorsorgeexperten der UBS die AHV-Reformvorschläge des Bundesrates und des Ständerates verglichen und am Mittwoch präsentiert.

Das eigentliche Problem dieser veränderten Bevölkerungsstruktur zeigt sich beim Blick auf die AHV-Renten. "Wir werden immer mehr Alte haben, die immer länger ihre AHV-Renten beziehen. Und das finanziert über immer weniger junge beitragszahlende Schweizer", sagt Raffelhüschen im Video-Interview mit cash.

Halber Schritt in die richtige Richtung

Schon in wenigen Jahren wird ein Grossteil der heute noch in die AHV einzahlenden geburtenstarken Nachkriegs-Jahrgänge auf die Empfängerseite wechseln. An ihre Stelle tritt eine Generation, die weniger umfangreich ist. Die Folge: Es entsteht ein Missverhältnis zwischen Einnahmen und Ausgaben, die sogenannte AHV-Finanzierungslücke. Die UBS beziffert diese Lücke in ihrer Studie mit 1020 Milliarden Schweizer Franken respektive 173 Prozent des Schweizer Bruttoinlandprodukts (BIP).

Um dieses Loch zu stopfen, liegen zwei Reformvorschläge vor, einer des Bundesrates und einer des Ständerates. Zu den wichtigsten Einzelmassnahmen gehören eine Erhöhung der Mehrwertsteuer oder eine Harmonisierung des Rentenalters von Frauen und Männern.

Beide Vorschläge hätten bis zum Jahr 2030 sehr ähnliche Folgen, so die Studienautoren. Über einen längeren Zeithorizont betrachtet, beinhalte der Entwurf des Bundesrates jedoch eine stärkere Reduktion der AHV-Finanzierungslücke auf etwa 482 Milliarden Franken oder 82 Prozent des BIP. Bei der Ständerat-Variante würde Lücke um ein Drittel weniger verringert.

Die Experten der UBS bezeichnen aber keinen der beiden Vorschläge als grossen Befreiungsschlag. "Der Vorschlag des Bundesrates ist nur ein halber Schritt in die richtige Richtung. Und der Ständerat bekommt sogar noch kalte Füsse beim halben Schritt in die richtige Richtung", sagt Raffelhüschen.

Den grössten Unterschied zwischen den beiden Vorschlägen macht ein AHV-Rentenzuschlag von 70 Franken aus, den der Ständerat bereits beschlossen hat. Damit muss sich der Ständerat allerdings den Vorwurf gefallen lassen, heutige Versicherte und vor allem Wähler zu bevorzugen. Gemeinsam ist beiden Konzepten: Die Verlierer sind die jungen und zukünftigen Generationen.

Faire Verteilung gefordert

Aus Sicht der jüngeren und künftigen Generationen wäre es deshalb wünschenswert, wenn der Nationalrat einen Vorstoss in Richtung einer gerechteren Verteilung der Finanzierungslasten anstreben würde, so die Studienautoren. Dies wäre gemäss der UBS-Ökonomin Veronica Weisser beispielsweise umsetzbar durch eine temporär geringere Anpassung der Renten an die Lohn- und Preisentwicklung.

Ausserdem müssten die zukünftigen Belastungen der AHV zwischen den verschiedenen Generationen fair verteilt werden. Um diesbezüglich eine Nachhaltigkeit zu erreichen, müsste eine Erhöhung des Rentenalters diskutiert werden, sagt Bernd Raffelhüschen: "Wer länger lebt, muss auch länger arbeiten." Ansonsten bestehe die Gefahr, dass die Schweiz ihre internationale Spitzenposition bei der Altersvorsorge verliere. Denn punkto Generosität der AHV kann noch kein Land mit der Schweiz mithalten.

Fragen, welche die aktuelle UBS-Studie weder stellt noch beantwortet, sind aber auch folgende: Besteht in Zukunft überhaupt ein Markt für Senioren-Arbeitnehmer, wenn bereits heute Leute über 50 Jahre Schwierigkeiten bekunden, einen Job zu finden? Und hätte eine Volksabstimmung zur Erhöhung des Rentenalters überhaupt eine Chance vor dem Souverän? Solche Punkte müssen in den nächsten Jahren intensiv diskutiert werden.