WEF 2016

«Wer nicht verbunden ist, bleibt zurück»

Sehen Herstellungsprozesse und Lieferketten ganz anders aus? Und welche Regionen der Welt werden dominieren? PwC-Experte Mohamed Kande über die Folgen von Digitalisierung und Automatisierung.
22.01.2016 11:55
Interview: Marc Forster, Davos
Mohamed Kande ist Spezialist bei PricewaterhouseCoopers für die Sparten Technologien und Kommunikation sowie Medien und Unterhaltungsindustrie.
Mohamed Kande ist Spezialist bei PricewaterhouseCoopers für die Sparten Technologien und Kommunikation sowie Medien und Unterhaltungsindustrie.
Bild: ZVG

cash: Das Motto des diesjährigen WEF ist 'die vierte industrielle Revolution'. Was bedeutet das in Ihren Worten?

Mohamed Kande: Bei der vierten industriellen Revolution geht es nicht nur um Menschen, die mit dem Internet verbunden sind, sondern um Maschinen, die mit dem Internet verbunden sind. Was wirklich eine Herausforderung darstellt, ist das Zusammenspiel von Internettechnologie mit operationellen Aspekten. Jetzt kann man das Internet in die Art und Weise einbetten, wie Industrien gelenkt werden. Die produzierende Industrie, Lieferketten und Logistik sind Teil davon.

Benennen Sie dafür ein Beispiel.

Auf operationeller Ebene kann man Fabriken nah an den Nachfragezentren errichten, denn Sie können diese Fabriken mithilfe des Internets betreiben. Warum sollte man künftig ein Auto in Bayern bauen und es dann an die Kunden irgendwo in der Welt liefern, wenn man es nahe am Kunden bauen kann? Man braucht an einem solchen Ort nicht einmal mehr verfügbare Arbeitskräfte, weil der Herstellungsprozess automatisiert ist. Auf die Lieferketten wirkt dies komplett disruptiv, also bestehende Technologien werden durch Innovationen verdrängt.

Was bedeutet dies für die Unternehmen?

Nur sehr wenige Unternehmen werden diesen Weg alleine gehen können. Die Fähigkeit, Partnerschaften und Konsortien zu erreichen, wird zu einem Wettbewerbsfaktor. Grosse Unternehmen, auch Weltkonzerne, werden ihre Zulieferer nicht mehr als Zulieferer behandeln können, sondern als Partner. Der Zulieferer wird derart zentral sein, das er mit dem Abnehmer ein eigenes Öko-System bilden wird.

Wie wirkt sich die vierte industrielle Revolution für die Finanzindustrie aus?

Hätte man vollen Einblick in alle Bestände, verbunden mit vorausschauender Analytik – würde das helfen? Auf jeden Fall wird der Wissensvorsprung des Anbieters gegenüber dem Kunden kleiner. Dies könnte eine Rolle spielen für Versicherer. Unternehmen der Finanzbranche sind heute am Zugang zu Daten interessiert – dem wichtigsten "Rohstoff“. Was man im Zusammenhang mit der vierten industriellen Revolution und der Finanzbranche auch weiter sehen wird, sind Start-ups, die von Null auf eine Milliarde gehen. Vom kleinen Raum zur Globalität, quasi über Nacht.

Wirken sich Digitalisierung, Automation oder neue Technologien in Schwellen- und Entwicklungsländern anders aus?

Das kann gut sein. Die fundamentalen Veränderungen, die neue Geschäftsmodelle mit sich bringen, haben unterschiedliche Auswirkungen in verschiedenen Teilen der Welt. Aber diese neuen Geschäftsmodelle müssen nicht zwingend in den Industriestaaten entstehen. Die erste mobile Banking-Plattform der Welt wurde in Kenya erfunden: Mpesa. Die vierte industrielle Revolution kann ebenso die Chancengleichheit zwischen Industrie- und Entwicklungsländern näherbringen. Wenn Menschen mit dem Internet verbunden sind - der wichtigsten Innovationsplattform, die in Afrika beispielsweise über Mobiltelefone funktioniert - können sie innovativ sein.

Wer ist besser vorbereitet: Der alte Westen oder der aufstrebende Rest der Welt?

Die Industrieländer sind zum heutigen Zeitpunkt besser vorbereitet, weil sie Industrien haben. Diese Länder mit grosser industrieller Basis müssen aber als erste reagieren. Die Innovatoren hingegen können von überall her kommen. Die Arbeitsmärkte werden sich ebenfalls verändern, gewisse Tätigkeiten werden verschwinden, neue entstehen.

Sie selber stemmen aus Côte d'Ivoire, einem Entwicklungsland in Westafrika. Welche Rolle spielen diese Länder? Sind sie Gewinner oder Verlierer?

Wir sollten nicht über Gewinner oder Verlierer sprechen. Reden wir lieber von Playern oder Teilnehmern mit unterschiedlichen Bedürfnissen. Die vierte industrielle Revolution wird sich in verschiedenen Ländern sehr unterschiedlich manifestieren. Einige Entwicklungsländer werden werden eine bessere Infrastruktur bekommen, auch wenn sie nicht über den entsprechenden Arbeitsmarkt verfügen. Sie können auch die Quellen von Innovationen sein. Sie sind zudem nicht den Umwälzungen unterworfen, welche die Industrien erfassen werden – sie können da gewissermassen drüberspringen.

Eine gesellschaftliche Folge könnte sein, dass fähige, ausgebildete Leute weiterkommen, während schlecht oder wenig Ausgebildete das Nachsehen haben, und dies nicht nur einem Nord-Süd-Zusammenhang. Wie gross ist diese Herausforderung?

Menschen, die "nicht verbunden" sind, können in der Tat zurückgelassen werden. Der Graben zwischen den "Verbundenen" und "Nicht-Verbundenen" könnte grösser werden. Wie dies ablaufen könnte, kann niemand voraussagen.