Werden Stellen zu schnell gestrichen?

Viele Unternehmen haben auf den Franken-Schock erstaunlich rasch mit Stellenabbau reagiert. Für viele Betroffene und Experten zu voreilig.
04.03.2015 01:05
Von Ivo Ruch
Industrieunternehmen leiden besonders unter dem starken Franken.
Industrieunternehmen leiden besonders unter dem starken Franken.
Bild: Bloomberg

Sonova verlagert 100 Stellen ins Ausland, SR Technics kürzt 250 Arbeitsplätze, AFG Arbonia Forster baut 150 bis 200 Jobs ab. Die Liste von Firmen, die in den letzten Tagen und Wochen mit einem Stellenabbau für Schlagzeilen sorgten, liesse sich noch verlängern.

Die Begründung für die Kürzungen ist meist dieselbe: Die Produktionskosten sollen gesenkt, die Wettbewersfähigkeit verbessert werden. Hintergrund solcher Überlegungen ist der starke Franken, der sich seit der Mindestkurs-Aufgabe am 15. Januar in der Spitze bis zu 20 Prozent gegenüber dem Euro aufgewertet hat. Doch in der Zwischenzeit hat sich der Euro-Franken-Kurs stark nach oben bewegt und pendelt seit einigen Tagen zwischen 1,06 und 1,08 - also nahe am Kurs von 1,10, den der Bundesrat als verkraftbar für die Schweizer Wirtschaft bezeichnet hat.

Von der Geschwindigkeit der Abbau-Manöver zeigt sich Daniel Lampart überrascht. Der Chefökonom des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes (SGB) sagte gegenüber dem Echo der Zeit von Radio SRF: "Es ging viel schneller als nach der letzten Franken-Aufwertung 2009. Wir gingen davon aus, dass die Firmen noch etwas zuwarten und die Situation analysieren, ob sich der Franken abwerten wird."

Industrie triffts am meisten

Tatsächlich macht es den Anschein, als ob viele Unternehmen entsprechende Pläne zur Restrukturierung seit längerem in der Schublade hatten. Bis jetzt sind es in erster Linie Arbeitgeber aus der Industrie, die solch unpopuläre Massnahmen getroffen haben. Das ist kein Zufall. Denn viele von ihnen hatten schon vor der Intervention der Schweizerischen Nationalbank (SNB) Mühe mit dem starken Franken. Das wird sich so schnell nicht ändern, wie die neuste Umfrage der Konjunkturforschungsstelle (KOF) zeigt.

Zwar hat sich laut KOF die Geschäftslage in allen befragten Wirtschaftsbereichen – Verarbeitendes Gewerbe, Detailhandel, Finanzbereich, Baugewerbe und Projektierungssektor – verschlechtert. Doch aus der Umfrage geht hervor, dass sich insbesondere im Industriesektor der Stellenabbau fortsetzen dürfte. Gemäss KOF gab es im Februar erheblich mehr Industrieunternehmen, die den Personalbestand in den nächsten drei Monaten reduzieren wollen, als solche, die ihn erhöhen wollen.

Dementsprechend fordert die Schweizer Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie (MEM) von der Politik und den Sozialpartnern Unterstützung. Der Vorwurf an die Politik: Sie habe zu wenig für den Werkplatz Schweiz getan. Es brauche weniger Bürokratie und genügend Spielraum.

Welche Sparmassnahme anwenden?

Um Geld zu sparen, greifen Firmen aber nicht nur zu Stellenabbau. Ebenso häufig werden derzeit die Arbeitszeiten bei gleichem Lohn verlängert, um günstiger zu produzieren. Beispiele dafür sind Georg Fischer, Huber+Suhner oder Bühler. Wenn sich die Auftragslage merklich eintrübt, schwenken viele Unternehmen als dritte Option um auf Kurzarbeit.

Welche Variante bietet sich im Moment am meisten an? Klaus Abberger von der KOF sagt, es gebe kein Patentrezept, wie Unternehmen auf eine eingetrübte Geschäftslage reagieren sollten. "Je nach Branche bieten sich andere Instrumente an", so Abberger gegenüber cash. Die häufigste Reaktion sei, dass erst mal Pläne auf Eis gelegt werden.

Doch die Flexibilität des schweizerischen Arbeitsmarktes kann auch eine Stärke sein. Der erstarkte Franken war zwar für viele Unternehmen ein Auslöser für Umstrukturierungen. "Doch wenn sich die konjunkturellen Rahmenbedingungen wieder verbessern, können daraus auch wieder Arbeitsplätze entstehen", sagt Konjunkturexperte Abberger.

Frankenkurs bleibt entscheidend

Dazu bräuchten aber viele Unternehmen einen schwächeren Franken. Doch danach sieht es nicht aus. Stellvertretend für die meisten Devisenexperten sagte Thomas Flury kürzlich gegenüber cash: "Ich traue der Franken-Abschwächung nicht".

Die VP Bank schreibt in einer Spotanalyse: "Pendelt sich der Franken gegenüber dem Euro auf den gegenwärtigen Niveaus von über 1.05 ein, ist nicht davon auszugehen, dass die eidgenössischen Ausfuhren nachhaltigen Schaden nehmen werden. Mit einer Rezession ist im laufenden Jahr deshalb nicht zu rechnen."

Daniel Lampart fordert von der Nationalbank hingegen, den Franken wieder auf ein tragbares Niveau zu bringen, das die Löhne und die Arbeitsplätze schützt. In einer Mitteilung bezeichnete der SGB-Chefökonom den Wechselkurs bei mindestens 1,30 Franken pro Euro als fair. Dass dieses Szenario eintrifft, dürfte jedoch Wunschdenken bleiben.