Wie der neue Präsident die Börsen bewegt

Der Kampf um das US-Präsidentenamt geht in die heisse Phase. Inwiefern beeinflusst der Wahlausgang die Aktienmärkte? Es gibt mehrer Schreckensszenarien.
11.02.2016 01:05
Von Ivo Ruch
Der demokratische Kandidat Bernie Sanders ist bei jungen Wählern beliebt.
Der demokratische Kandidat Bernie Sanders ist bei jungen Wählern beliebt.
Bild: Bloomberg

Die Präsidentschaftswahl in den USA ist das Polit-Ereignis des Jahres. Schliesslich geht es um das mächtigste Amt der Welt. Der 45. Präsident – oder die 45. Präsidentin – wird zwar erst am 8. November erkoren, doch die Wahl wirft schon heute ihre Schatten voraus. So auch auf die Welt der Investoren und Finanzmarktteilnehmer. Denn unabhängig davon, ob Demokraten oder Republikaner an der Macht sind: Der Chef im Weissen Hauses kann grossen Einfluss auf die Geschäftswelt ausüben.

Bereits vor einigen Monaten wurde in manch einer Vorschau auf das Börsenjahr 2016 die US-Wahl als zentrales Ereignis hervorgehoben. Der Grundtenor damals: Die Wahl des Republikaners Donald Trump würde einem "Schwarzen Schwan"-Szenario gleichkommen und die Anleger in Aufruhr versetzen. Die Saxo Bank hingegen stellte "zehn provokante Thesen für 2016" auf, die unterschätzt würden und enorme Folgen für die Finanzmärkte haben könnten. Eine davon lautet: "Demokraten stellen auch den neuen US-Präsidenten und erzielen 2016 die absolute Mehrheit im Kongress".

Nun, da das Wettrennen um die Nachfolge von Barack Obama in vollem Gang ist und bereits in zwei Staaten Vorwahlen abgehalten wurden, drängt sich eine dritte Option in den Vordergrund: Ein Überraschungserfolg des dezidiert Linken Bernie Sanders. Der 74-Jährige bezeichnet sich selbst als "demokratischer Sozialist" und kommt mit seiner Forderung nach einer gerechteren Einkommensverteilung vor allem bei jungen Wählern gut an.

Die Vorwahl in New Hampshire gewann Sanders bei den Demokraten mit rund 60 Prozent der Stimmen. Sein Erfolg sende eine Botschaft von Washington bis an die Wall Street, kommentierte Sanders seinen Etappensieg.

Aussenseiter als "Worst Case" für Wall Street

Für den Schweizer Ökonomen Christian Takushi von "Geopolitical Economics" ist klar: "Aus Sicht der Wall Street wäre Sanders als US-Präsident das Worst-Case-Szenario." Denn er habe sich ausdrücklich dem Kampf gegen die Banken verschrieben. Zentrale Punkte von Sanders' Programm sind verschiedene Steuern. So möchte er Spekulanten stärker zu Kasse bitten und Unternehmensgewinne belasten, die in Steueroasen umgeleitet werden. Im Gegenzug will Sanders Colleges und Universitäten kostenfrei machen, sowie eine Billion Dollar in Amerikas veraltete Infrastruktur investieren.

Gewänne Sanders, so der Geopolitik-Spezialist Takushi, dann breche eine neue Ära für die Finanzindustrie an -und zwar auf der ganzen Welt. "An der Wall Street macht sich deswegen langsam Panik breit, denn es geht für sie um Milliarden." Takushi schätzt die Erfolgschancen von Sanders derzeit bei mindestens 20 Prozent.

Auf der anderen Seite des politischen Spektrums steht Donald Trump. Der Immobilien-Mogul liegt in den Umfragen ebenfalls überraschend weit vorne. Auch wenn der Begriff des Populismus bereits arg strapaziert wird, ist eines klar: In diesem Wahlkampf dominieren bislang die politischen Extreme. So bekräftigte Trump jüngst erneut seinen Plan, an der Grenze zu Mexiko eine Mauer zu bauen.

"Das politische und wirtschaftliche Establishment in den USA ist sich einig: Um den Status Quo zu retten, müssen die Sanders und Trump verhindert werden", sagt Takushi. Die Wahl von Sanders oder Trump wäre seit mehr als 30 Jahren und Ronald Reagan wieder eine Anti-Establishment-Wahl, welche die USA, aber auch die ganze Welt aufrütteln würde.

Wie wichtig sind die Wahlen überhaupt?

Als Wall-Street-Lieblinge gelten hingegen zwei andere Republikaner: Ted Cruz und Marco Rubio. Cruz will beispielsweise eine Flat Tax von 15 Prozent einführen, welche die US-Steuerbehörde (IRS) überflüssig machen würde und somit auch Auswirkungen auf die Schweiz hätte. Doch für viele Beobachter ist er zu religiös-fundamentalistisch. Grössere Chancen werden Rubio zugetraut.

Kaum Auswirkungen auf die Finanzmärkte erwartet Blackrock. In einer aktuellen Analyse schreibt der weltgrösste Vermögensverwalter: "Aus historischer Perspektive spielt es für US-Aktien keine Rolle, ob Demokraten, beispielsweise mit der immer noch aussichtsreichen Kandidatin Hillary Clinton, oder Republikaner an der Macht sind."

Ebenfalls sei es ein Mythos, dass die Märkte unter ausgeglichenen Regierungen besser performten. Eine politische Komponente heben die Blackrock-Experten rund um den Chefstrategen Russ Koesterich jedoch hervor: Im ersten Jahr der vierjährigen Präsidentschaftszeit laufe es an den Börsen traditionell am schlechtesten, im dritten Jahr am besten.

Fokus auf Einzelthemen

Dennoch dürften Investoren gut beraten sein, die US-Wahlen zu verfolgen und ihr Augenmerk auf wichtige Einzelthemen wie Steuerreformen, Freihandel, Gesundheitswesen, Umweltschutz oder Regulierungen des Finanzsektors zu richten. Dazu gehört auch die Geldpolitik der amerikanischen Zentralbank (Fed). Laut Blackrock hätte eine republikanisch dominierte Regierung in Zukunft wohl eine zurückhaltendere Fed zur Folge.

Zwar wird in den USA derzeit viel und leidenschaftlich debattiert. Die grössten Bedenken der US-Wirtschaft – der starke Dollar, die tiefen Ölpreise und die Zinsen der Fed – kommen dabei aber auffallend selten zur Sprache.