Hügli meint

Wie lange geniesst die SNB die relative Ruhe?

Die SNB trifft mit ihrem Zinsentscheid am Donnerstag die richtige Wahl. Sie befindet sich derzeit in einer komfortableren Situation als auch schon. Doch die Lage bleibt fragil.
10.12.2015 09:46
Von Daniel Hügli, Chefredaktor cash
Daniel Hügli, Chefredaktor cash.
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Bild: Geri Born

"Schweizerische Nationalbank unter Druck wie seit einem Jahr nicht mehr", oder: "SNB steht mit dem Rücken zur Wand". Solche Schlagzeilen lasen wir in den helvetischen Medien vor der Sitzung der Europäischen Zentralbank (EZB) am letzten Donnerstag. 

Seit letzter Woche steht fest: Die Schlagzeilen waren nicht bloss mitunter martialisch, sondern auch falsch. Denn die EZB weitete ihr geldpolitisches Lockerungsprogramm nicht in dem Mass aus, wie es die Märkte erwartet hatten. Und damit wich der Druck von der SNB, aufgrund der erwarteten Euro-Schwemme an den Märkten mit einer Ausweitung der Negativzinsen nachzuziehen, um den Aufwertungsdruck des Frankens abzudämpfen.

Die SNB hat am Donnerstag nun richtig entschieden und den Negativzins bei 0,75 Prozent belassen. Mit Blick auf den relativ konstanten Wechselkurs zwischen 1,08 und 1,10 Franken pro Euro in den letzten Wochen und insbesondere seit letztem Donnerstag bestand kein Grund zum Handeln. Der Franken als traditioneller Investorenfluchtort hält sich in Anbetracht der unsicheren geopolitischen Lage derzeit generell auf einem erstaunlich abgeschwächten Niveau zum Euro.

Die SNB änderte am Donnerstag auch deshalb nichts an ihrer Geldpolitik, weil sie ohne Not nicht weiteres Öl ins Feuer giessen wollte. Negativzinsen belasten das Schweizer Finanz- und Vorsorgesystem jetzt schon enorm. Und drittens: Die Schweizer Währungshüter unternahmen auch nichts, weil sich die Situation für die SNB mit der wahrscheinlichen Zinserhöhung nächste Woche in den USA und der erwarteten weiteren Aufwertung des Dollar weiter entspannen könnte.

Doch die relative Ruhe für die SNB bleibt fragil. Die Störenfriede sind weniger die Vertreter von Gewerkschaften, Politik, Industrie und Tourismus mit ihren permanenten und unrealistischen Forderungen nach Einführung einer neuen Kursuntergrenze. Diese Forderungen sind sowieso verklausulierte Rücktrittsforderungen ans SNB-Direktorium. Denn führte die SNB wieder eine Kursuntergrenze ein, wäre es mit ihrer Glaubwürdigkeit an den Märkten geschehen. Das Direktorium unter der Leitung von Thomas Jordan müsste abdanken.

Nein, der Haupt-Störenfried bleibt die Eurozone. Dort konstatieren wir weiterhin eine schwache Wirtschaftsentwicklung, und ob die Gefahr von Deflation "vom Tisch" ist, wie uns EZB-Präsident Mario Draghi uns vor ein paar Tagen weismachen wollte, ist keineswegs sicher. Erneute Turbulenzen in der Eurozone hätten fast sicher einen Aufwertungsdruck auf den Franken zur Folge - und entsprechenden Folgen für die Schweizer Wirtschaft.

Im Auge behalten muss die SNB auch die mittel- und längerfristigen Wirkungen und Nebenwirkungen der EZB-Massnahmen. Erst in einem weiteren Ernstfall wird sie die Negativzinsen in der Schweiz ausweiten. So weh diese auch tun. Und so umstritten ihr Nutzen auch ist.