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«Wir sind praktisch in einer Deflation»

Marcel Fratzscher, DIW-Leiter und somit eine Art Chefökonom der deutschen Regierung, äussert sich im cash-Interview zu Staatsanleihekäufen der EZB und warum die Deutschen «mit Bewunderung» auf die Schweiz schauen.
19.11.2014 01:00
Interview: Daniel Hügli, Frankfurt
Prof. Marcel Fratzscher ist Leiter des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung in Berlin.

Marcel Fratzscher (43) ist Professor für Makroökonomie und Finanzen an der Berliner Humboldt-Universität und seit 2013 Leiter des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. In dieser Funktion gilt Fratzscher als Chefökonom des deutschen Wirtschaftsministers Sigmar Gabriel und damit der Bundesregierung. Von 2001 bis 2012 war Marcel Fratzscher für die EZB tätig, zuletzt als Leiter der Abteilung Internationale wirtschaftspolitische Analysen. Beim Ranking 2014 der einflussreichsten Ökonomen Deutschlands der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" belegte Fratzscher den zweiten Platz, hinter Hans-Werner Sinn.

cash: Herr Fratzscher, die Massnahmen der Europäischen Zentralbank gegen Wachstumsschwäche und Niedriginflation verlieren langsam ihre Wirkung. Weshalb?

Prof. Marcel Fratzscher: Die EZB kommt langsam am Ende ihrer Möglichkeiten an. Sie hat letztlich, jetzt auch mit dem Kauf von verbrieften Krediten, fast alle Massnahmen angewendet. Die EZB kann nicht mehr tun, als den Regierungen Zeit zu kaufen. Sie kann die Wirtschaft und damit auch die Regierungen unterstützen, indem sie die Zinsen senkt und Kredite zu Verfügung stellt. Aber bei Strukturreformen und Nachfrageimpulsen auf der realen Seite der Wirtschaft kann die EZB nichts Direktes tun.

Wo fehlt es denn besonders an Reformen in Euroraum?

Fehlende Strukturreformen sehen wir nach wie vor in Ländern wie Italien oder Frankreich. Das ist meiner Meinung nach auch der wichtigste Grund, weshalb wir dort noch keine deutlichere Erholung gesehen haben. Wenn Regierungen ihre Hausaufgaben nicht erledigen, dann wird die EZB zwangsläufig immer ineffektiver werden. Deshalb ist es eine logische Konsequenz, dass die EZB irgendwann keine Munition mehr haben wird.

Ausser, die EZB kauft Staatsanleihen in grossem Stil. Wie hoch schätzen Sie die Wahrscheinlichkeit ein, dass die EZB diesen Schritt macht?

Die Möglichkeit von Anleihekäufen, also erst private, dann staatliche Anleihen, sehe ich von Monat zu Monat wahrscheinlicher, weil sich die Situation nicht gross ändert. Wir haben schwaches Wachstum und sind praktisch schon in einer Deflation. Wenn die Massnahmen, welche die EZB im Juni angekündigt hat, nicht fruchten, muss sie sich Gedanken machen über neue Schritte. Die EZB verfehlt ja ihr Mandat ganz klar. Sie muss Preisstabilität gewährleisten. Derzeit haben wir in der Eurozone eine Inflationsrate von 0,4 Prozent. Die EZB hat aber ein Ziel der Preisstabilität bei einer Rate von etwas unter 2 Prozent. Daher muss die EZB zur Wahrung ihrer Glaubwürdigkeit auch andere Massnahmen ergreifen. Und das bedeutet, als erster Schritt, den Ankauf von privaten Anleihen und dann als letzter Schritt den Kauf von Staatsanleihen.

Und die Wahrscheinlichkeit solcher Massnahmen?

Ich sehe die Wahrscheinlichkeit nicht bei 100 und auch nicht bei 90 Prozent. Aber ich sehe die Wahrscheinlichkeit, dass die EZB im Frühjahr oder Sommer des nächsten Jahres Staatsanleihen kauft, bei mittlerweile 50 Prozent.

Die Notenbanken der USA oder Grossbritanniens haben Staatsanleihekäufe bereits durchgeführt. Weshalb wartet die EZB zu?

Das hat verschiedene Gründe. Da ist sicher die Hoffnung, dass die eingeleiteten Massnahmen Wirkung zeigen, dass die Regierungen die notwendigen Reformen angehen und dass sich die Inflationserwartungen wieder besser verankern. Als weiteren Grund sehe ich den grossen Widerstand in Deutschland gegenüber Staatsanleihekäufen. Wir hatten ja eine Klage vor dem Bundesverfassungsgericht bezüglich des OMT-Ankaufprogrammes. Dieser Widerstand in Deutschland lässt die EZB vorsichtig agieren. Gleichzeitig ist die Strategie des Wartens nicht ohne Risiken. Denn die Geldpolitik muss immer frühzeitig agieren. Geldpolitik braucht immer Zeit, bis sie die volle Wirkung erzielen kann.

Könnte EZB-Präsident Mario Draghi mit Blick auf die schleppenden Strukturreformen der Regierungen einmal die Geduld ausgehen und mal verklausuliert drohen, dass nun mal nichts passiert in Sachen EZB-Massnahmen?

Die EZB befindet sich in einem schwierigen Dilemma. Sie ist eine unabhängige Institution, sie hat das Mandat der Preisstabilität, aber sie darf sich politisch nicht involvieren. Gleichzeitig verfehlt die EZB ihr Mandat der Preisstabilität deutlich. Und wenn sie ihr Mandat und ihre Unabhängigkeit ernst nehmen will, muss sie agieren. Nichts tun ist keine Option. Auf der anderen Seite weiss die EZB sehr wohl, dass die Effektivität ihrer eigenen Politik sehr stark davon abhängt, ob die Regierungen richtige Reformen durchführen.

Die Schweiz hat den Franken mit der Euro-Mindestgrenze an den Euro gebunden. Die Schweiz wird somit auch als 'Schattenmitglied' der Eurozone bezeichnet. Sehen Sie das auch so?

Ja und Nein. Natürlich hat die Schweiz den Franken mit der Kursuntergrenze sehr eng an den Euro gebunden. Wir schauen in Deutschland mit Bewunderung auf die Schweiz. Ihr Land hat sich bislang der europäischen Krise eigentlich gut entziehen können. Trotz des starken Aufwertungsdrucks in der Vergangenheit ist es gelungen, das Wachstum im Vergleich sehr gut zu stabilisieren. Allerdings ist die Schweiz eine kleine Volkswirtschaft, und Deutschland kann deshalb eine Strategie wie die Schweiz nicht verfolgen. Auch wenn sich in Deutschland manche Leute das so wünschen würden.

Die 'Frankfurter Allgemeine Zeitung' schrieb einmal, Sie hätten ein 'untrügliches Gespür für Macht' und attestiert Ihnen auch viel Arbeitseifer. Daher stünden Sie nun zuoberst beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Was sagen Sie dazu?

Meine Rolle als Wissenschaftler und die Aufgabe meines Instituts sind die Erstellung von unabhängigen Analysen zu wichtigen volkswirtschaftlichen Fragestellungen. Da müssen wir auch mal mahnen und kritisieren. Aber es geht auch darum, konstruktive Vorschläge zu machen und Debatten mitzugestalten. Wir haben eine Bringschuld als Wissenschaftler. Das sehen manche Ökonomen in Deutschland anders. Im angelsächsischen Raum dagegen ist es sehr üblich, dass Ökonomen sehr stark an den wirtschaftspolitischen Diskussionen teilnehmen. Ich schaue mit Bewunderung auf Länder wie die USA, Grossbritannien oder Schweden, in denen sich die Wissenschaft in die Pflicht begibt, wirtschaftspolitische Diskussionen mitzugestalten.

Im Video-Interview äussert sich Marcel Fratzscher zum Wirtschaftsausblick 2015 für die Eurozone und Deutschland.

Das Interview mit Marcel Fratzscher wurde am Rande der Morningstar Investment Conference von letzter Woche in Frankfurt geführt, an der Fratzscher als Redner auftrat.