Wirtschaftshistoriker Tobias Straumann - «Der Nutzen von einigen Handelsabkommen ist sicher fraglich»

Für die Schweiz ist laut Wirtschaftshistoriker Tobias Straumann eine offene Wirtschaft zwar wichtig. Doch Kritik gegenüber der Globalisierung ist zum Teil durchaus berechtigt, wie er im Video-Interview erklärt.
05.10.2017 15:23
Tobias Straumann ist Wirtschaftshistoriker an der Uni Zürich.
Bild: cash

"Eine offene Wirtschaft ist für die Schweiz sehr wichtig", erklärt der Zürcher Wirtschaftshistoriker Tobias Straumann im Video-Interview anlässlich der KOF-Prognosetagung, an welcher Straumann eine Rede hielt mit dem Thema "Drohende wirtschaftliche Abschottung in der Welt - was sind die Aussichten für die Schweiz?"

Dass die grenzüberschreitenden Kapitalströme in letzter Zeit stark zurückgegangen sind, sei nicht unbedingt ein schlechtes Zeichen, sagt Straumann. Auch deshalb, weil sich diese nicht immer gelohnt hätten. "Man sollte aufpassen, dass man nicht jede Korrektur der Globalisierung sofort als Abschottung taxiert."

Wie eine Studie des Beratungsunternehmens McKinsey vom August zeigt, erreichten die globalen grenzüberschreitenden Kapitalflüsse im Jahr 2007 ihren Höhepunkt. Bis 2016 sind diese wieder um 65 Prozent auf 4,3 Billionen Dollar von 12,4 Billionen Dollar zurückgegangen.

"Der ökonomische Nutzen gewisser Handelsabkommen, die in Vorbereitung waren, sind fraglich", so Straumann. Man solle deshalb genau hinschauen, was wirklich schädlich sei und was im Prinzip nur eine Art Marschhalt der Globalisierung sei.

TTIP gar nicht so wichtig?

Als einen solchen "Marschhalt" bezeichnet der Wirtschaftshistoriker etwa die Abkehr der USA vom Freihandelsabkommen TTIP. Es handelt sich dabei um ein geplantes Abkommen, welches den Freihandel und den Investitionsschutz zwischen USA und der EU-Regeln soll. Seit Juni 2013 wurden die genauen Vertragsbedingungen ausgehandelt. US-Präsident Donald Trump hatte jedoch nach seinem Amtsantritt vergangenen Herbst die Verhandlungen mit der EU über das TTIP-Abkommen aus Sorge vor Nachteilen für US-Arbeitsplätze gestoppt.

Straumann über das TTIP: "Das sind im Wesentlichen nur Standards, die zwischen den Ländern harmonisiert werden. Handelsmässig kann man da nichts mehr herausholen." Die Zölle seien sowieso bereits praktisch bei null und die Transportkosten seien jetzt schon sehr tief.

Ein wichtiger Beschleuniger der Globalisierung ist die 1994 gegründete Welthandelsorganisation WTO. Ziel der WTO ist der Abbau von Handelshemmnissen und somit die Liberalisierung des internationalen Handels mit dem weiterführenden Ziel des internationalen Freihandels. Seit 2001 ist auch China Mitglied, das Land gilt derzeit als Wachstumsmotor der Welt.

Das kann durchaus auch kritisch betrachtet werden: "China war 2001 in die WTO eingetreten und hatte auf einen Schlag alle Vorteile des freien Handels geniessen können, ohne sich selber öffnen zu müssen", meint Straumann. Wenn ein Entwicklungsland aufhole, könne zwar eine gewisse Einseitigkeit akzeptiert werden, aber für China sei diese Zeit nun vorbei. "Wenn China nicht bereit ist, den eigenen Markt zu öffnen, werden die USA beginnen, chinesische Importe zu behindern."

Im Video-Interview sagt Tobias Straumann ausserdem, inwiefern die Schweiz heute globalisierter als vor 20 Jahren ist.

(cash/AWP)