Wirtschaftsinstitut Ifo - Eine Denkfabrik in München prägt das negative EZB-Bild der Deutschen

Bei der Frage, weisodie Deutschen so verärgert über die Europäische Zentralbank sind, lohnt es sich, eine kleine Denkschmiede in einer verschlafenen Ecke von München unter die Lupe zu nehmen.
03.09.2017 13:19
Am Sitz der Europäischen Zentralbank in Frankfurt.
Am Sitz der Europäischen Zentralbank in Frankfurt.
Bild: Pixabay

Das Ifo Institut für Wirtschaftsforschung hat Berühmtheit erlangt als schärfster intellektueller Stachel für die EZB während der Euroraum-Finanzkrise. Der damalige Präsident Hans-Werner Sinn sagte zu der Zeit, dass Milliarden von Euro an Steuergeldern verwendet würden, um eine wacklige Währungsunion zu halten. Zwar hat Sinn vor 16 Monaten die Leitung des Ifo-Instituts abgegeben, aber auch unter seinem Nachfolger Clemens Fuest prägt das Institut die öffentliche Debatte.

Es sei ein grosser Verdienst von Sinn, "dass er ein Thema, das wirklich sehr komplex ist, verständlich gemacht und in seiner wirtschaftlichen Bedeutung der Öffentlichkeit nahe gebracht hat", sagt Fuest in einem Interview mit Bloomberg am Ifo-Institut. “Kritische Diskussion muss möglich sein.”

Die 1949 mit Hilfe des damaligen Wirtschaftsministers und späteren Bundeskanzlers Ludwig Erhard gegründete Denkschmiede wurde rasch eines der führenden Forschungsinstitute des Landes und übernahm die Aufgabe, das Wirtschaftsministerium bei seinem Konjunkturausblick zu beraten. Der monatliche Ifo-Geschäftsklimaindex für Europas grösste Volkswirtschaft ist seit langem eine wichtiger Indikator an den Finanzmärkten.

Schon früh Kritik an EZB

Aber Ifo erreichte im Jahr 2001 öffentliche Berühmtheit in eher politischer Form, als Sinn die Finanzierung der angeschlagenen Euroraum-Volkswirtschaften durch - wie er sagte - die Hintertür anprangerte. Er demonstrierte, dass die EZB-Notfall-Liquidität zu Ungleichgewichten im Zahlungsverkehrssystem Target2 führt, mit potenziellen Kosten für die Kernländer. Dies wurde von den deutschen Medien aufgegriffen und stiess auf Resonanz bei einer Öffentlichkeit, die bereits befürchtete, dass sie für die Exzesse anderer Staten zahlen müsste.

Die EZB entgegnete, dass Target2 kaum mehr als ein Verrechnungssystem sei; ein Risiko bestehe nur, wenn der Euroraum auseinanderfalle und die Peripherie-Staaten ihren Verpflichtungen nicht nachkommen. Jedoch hatte Sinn Staub aufgewirbelt und nutzte seine Bekanntheit, um die EZB noch an vielen anderen Stellen anzugreifen. So sagte er, sie hätte ihr Mandat überschritten und fast diktatorische Befugnisse.

Grosse Resonanz

Diese Rhetorik ist häufig bei Deutschen und den Medien des Landes zu hören und ein Faktor in der öffentlichen Debatte. Im nächsten Monat stehen die Bundestagswahlen an. Die Target2-Salden steigen erneut in Folge des quantitativen Lockerungsprogramms der EZB, und die Kritik von Sinn ist von der rechtskonservartiven Partei AfD genutzt worden, die sich für einen Ausstieg aus dem Währungsraum stark macht. Für die Kollegen von Sinn ist das ein Problem.

“Sinn hat den Bedenken vieler Deutscher bezüglich des Euro eine seriöse Stimme verliehen, aber damit ist er über das hinausgegangen, was akademisch vernünftig ist", sagt Holger Schmieding, der früher am Kieler Institut für Weltwirtschaft arbeitete und nun Chef-Ökonom bei Berenberg ist. “Die deutschen Befürchtungen sind durch die Realität nicht bestätigt worden, und es besteht die Gefahr, dass mit Übertreibungen zu häufig Alarm geschlagen wird, was den Ruf beeinträchtigen könnte", so Schmieding.

Neues Gesicht

Fuest, ein früherer Student von Sinn, kam zum Ifo Institut nachdem er zuvor das ZEW Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim geleitet hatte. Er ist vor kurzem zum Präsidenten des International Institute of Public Finance gewählt worden, einer Vereinigung von auf öffentliche Finanzen spezialisierten Ökonomen.

Fuest sagt auch, dass das Institut kontroverse Themen um den Euro nicht scheuen sollte. "Wenn man so tut, als gäbe es die Probleme nicht, wird man kein Vertrauen schaffen, sondern dann überlässt man denjenigen das Feld, die wirklich radikale und nicht sachlich argumentierende Gegner sind, nämlich der AfD oder anderen." 

Die Stärke seiner neuen Plattform ist grösstenteils auf Sinn zurückzuführen, der das Ifo Institut umstrukturiert hat, nachdem er 1999 die Leitung übernahm. Damals hatte die Institution einen Teil ihrer Finanzierung eingebüsst und wurde von dem Gremium, das für die Einschätzung der Forschungsinstitute zuständig ist, kritisiert wegen der unbefriedigenden Beiträge zur wirtschaftlichen Debatte.  

«Pflicht zur Information»

“Man kann über Herrn Sinn reden, wie man will -- er ist ja in der Öffentlichkeit durchaus nicht unumstritten, so dass Kritik an ihm immer auch das Institut getroffen hat", sagt Joachim Ragnitz, stellvertretender Leiter der Ifo-Niederlassung Dresden, die 1993 gegründet wurde, um Wirtschaftsthemen im Zusammenhang speziell mit Ostdeutschland zu erforschen. "Aber letzten Endes hat er einen Wechsel herbeigebracht."

Nun ist es an Fuest, diesen Einfluss zu nutzen. "Ifo ist keine politische Institution, daher ist es nicht unsere Aufgabe, den Euro zu verteidigen oder den Euro anzugreifen", sagt er. "Wir als Individuen haben unsere Ansichten, aber es ist unsere Aufgabe, die Öffentlichkeit zu informieren, was passiert und was die wirtschaftliche Forschung dazu sagt."

(Bloomberg)