Zementhersteller - Ermittlungsverfahren gegen Ex-Manager von Lafarge

Wegen der Schutzgeldzahlungen des französischen Zementkonzerns Lafarge an Terrorgruppen im syrischen Bürgerkrieg hat die französische Justiz Ermittlungsverfahren gegen mehrere frühere Manager eingeleitet.
09.12.2017 16:48
Ein Zementsack von Lafarge.
Ein Zementsack von Lafarge.
Bild: Bloomberg

Das verlautete aus Justizkreisen in Paris, wie die normalerweise gut informierte Nachrichtenagentur AFP berichtete. Am Freitagabend eröffneten Ermittlungsrichter Verfahren gegen Ex-Konzernboss Bruno Lafont und das ehemalige Konzernleitungsmitglied Christian Herrault. Die Pariser Staatsanwaltschaft hatte für Lafont eine formelle Anklage und Untersuchungshaft gefordert, für Herrault die Unterstellung unter Kontrolle der Justiz.

Lafont war von 2007 bis 2015 Konzernchef von Lafarge gewesen. Nach der Fusion mit des Konzerns mit dem Schweizer Rivalen Holcim zum weltgrössten Zementriesen LafargeHolcim musste er seinen Posten räumen.

Gegen einen dritten Mann waren bereits am Donnerstag förmliche Ermittlungen eingeleitet worden. Nach AFP-Angaben handelt es sich dabei um den früheren Konzernchef von LafargeHolcim, Eric Olsen. Dessen Anwalt sagte der Agentur, dass Olsen die Einleitung des Verfahrens anfechten werde.

Lafarge hatte ein Werk in Syrien trotz des Bürgerkriegs bis 2014 weiterbetrieben. Das lokale Unternehmen zahlte Geld an Dritte, um Arrangements mit bewaffneten Gruppen auszuhandeln, damit die Produktion weitergehen konnte. Der LafargeHolcim-Konzern hatte dies im März eingeräumt und als "nicht akzeptabel" bezeichnet.

Konzernchef Olsen hatte vor diesem Hintergrund im April seinen Rücktritt eingereicht, zugleich aber versichert, er sei nicht beteiligt gewesen. Das Unternehmen äusserte sich am Samstag auf Anfrage nicht zu den neuen Entwicklungen.

Vor gut einer Woche waren laut Justizkreisen bereits gegen drei andere Männer, die damals bei Lafarge Verantwortung trugen, Ermittlungsverfahren eröffnet worden. Die französische Lafarge-Gruppe hatte sich 2015 mit dem Schweizer Konzern Holcim zusammengeschlossen.

Millionen an Schutzgeldern gezahlt

Bei den Vorwürfen geht es um Vorgänge aus den Jahren 2012 und 2014 vor der Fusion von Lafarge mit Holcim. Lafarge soll in Syrien Extremisten bezahlt haben, um den Betrieb in seinem Zementwerk im Norden des Landes aufrecht erhalten zu können.

Das Werk befindet sich in Dschalabija rund 25 Kilometer von der türkischen Grenze entfernt. Gelder in Höhe von 5,6 Millionen Dollar sollen unter anderem an Extremisten der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) geflossen sein.

Menschenrechtsorganisationen hatten dem Unternehmen vorgeworfen, die Terroristen bezahlt zu haben, um weiterarbeiten zu können. Zudem soll Lafarge dem IS in Syrien Öl abgekauft haben. Damit habe die Gruppe gegen das EU-Ölembargo gegen Syrien verstossen, das seit dem Herbst 2011 galt. Die IS-Miliz hatte sich seit 2013 zahlreicher Erdölquellen des Landes bemächtigt.

Zudem wird Lafarge vorgeworfen, nicht genügend für die Sicherheit seiner syrischen Angestellten gesorgt zu haben, die in dem Werk blieben. Dagegen wurden die Werksleitung und die Expats bereits 2012 evakuiert. Später gab Lafarge zu, dass es zu Entführungen von Mitarbeitern gekommen war.

Wegen des Verdachts der Finanzierung von Extremisten und des Verstosses gegen EU-Sanktionen wurde vor kurzem gegen drei Verantwortliche der Zementgruppe in Frankreich ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Dabei handelt es sich um zwei Ex-Chefs des syrischen Zementwerks und den Lafarge-Sicherheitsverantwortlichen.

Ex-Chefs im Visier

Nun sind auch Lafont und Olsen an der Reihe. Beide wurden am Mittwoch in Polizeigewahrsam genommen zusammen mit dem einstigen Konzernleitungsmitglied Christian Herrault. Alle drei wurden von den Ermittlern in Paris befragt, die wissen wollen, ob die Konzernleitung in Frankreich über die Vorgänge in Syrien im Bilde gewesen war.

Laut einem Bericht der US-Anwaltskanzlei Baker McKenzie, der im Auftrag von Lafarge verfasst wurde, hat Olsen an den Sitzungen des Sicherheitskomitees teilgenommen. Er habe sich voll und ganz an den Diskussionen über die Sicherheit im Werk in Syrien beteiligt, steht im Bericht.

Lafarge fusionierte 2015 mit dem Schweizer Konkurrenten Holcim zum mit Abstand grössten Zementgiganten der Welt. Olsen wurde zum ersten Konzernchef des gemeinsamen Unternehmens LafargeHolcim berufen. Im vergangenen Juli hatte er nach einer internen Untersuchung um die Schutzgeldzahlungen das Unternehmen verlassen.

Inakzeptable Fehler eingeräumt

LafargeHolcim wollte sich zu den Untersuchungsverfahren gegen Olsen, Lafont und Co. nicht äussern. Weder Lafarge SA noch LafargeHolcim seien derzeit Partei in diesen Verfahren, sagte ein Sprecher.

LafargeHolcim-Verwaltungsratspräsident Beat Hess hatte vergangenen Sonntag gegenüber der französischen Zeitung "Le Figaro" "inakzeptable Fehler" in der Affäre eingeräumt. Lafarge habe sich zu spät aus Syrien zurückgezogen.

Mitte November hatte die Justiz wegen der Schutzgeldzahlungen im syrischen Bürgerkrieg in Paris und Brüssel Razzien durchgeführt. Dabei durchsuchten Polizisten zwei Tage lang den Firmensitz von Lafarge in Paris. In Brüssel gingen die Ermittler gegen Grossaktionär GBL vor.

(AWP)