Zentralbanken wollen Finanzmärkte zusammen stützen

(Ausführliche Fassung)
26.06.2016 14:22

Bern (awp/sda) - Die grossen Zentralbanken der Welt stehen nach dem Brexit-Votum bereit, um die Finanzmärkte zu stabilisieren. Die Notenbanker beschlossen bei einem Treffen in Basel eine enge Kooperation untereinander.

Die Notenbanker hätten bei ihrem Treffen in der Schweiz die Notfallmassnahmen der Bank of England befürwortet und ihre Bereitschaft zur Unterstützung signalisiert, teilte die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) am Samstagabend mit.

Die Zentralbanken und der private Sektor würden umfassende Notfallpläne bereithalten, um Störungen an den Finanzmärkten zu begrenzen, sagte BIZ-Generaldirektor Jaime Caruana am Sonntag an der Generalversammlung der Dachorganisation der Zentralbanken laut Redetext. Die Zentralbanken würden die Lage sorgfältig beobachten und das tun, was zur Sicherstellung eines geordneten Funktionierens der Märkte notwendig sei.

"In der Vergangenheit haben die Zentralbanken rasch gehandelt. Sie sind bereit, wieder zu handeln, und sie verfügen über das erforderliche Instrumentarium", sagte Caruana.

Liquidität bereitgestellt

Die Bank von England (BoE) hat über 250 Mio. Pfund bereitgestellt und gewährt substanziellen Zugang zu Fremdwährungen, um Engpässe an den Finanzmärkten zu vermeiden. BoE-Chef Mark Carney sagte, er erwäge weitere Massnahmen zu ergreifen, falls dies nötig sein sollte.

Die US-Notenbank Fed teilte mit, sie sei bereit Dollar-Liquidität durch ihre Swaplinien mit anderen Zentralbanken zur Verfügung zu stellen, wenn es notwendig sein sollte, Druck an den Finanzmärkten zu begegnen, der negative Auswirkungen auf die US-Wirtschaft haben könnte.

Knapp 52 Prozent der britischen Wähler hatten am Donnerstag für einen EU-Austritt gestimmt. An den Börsen löste das Votum am Freitag heftige Kursverluste aus, auch das Pfund verlor drastisch an Wert und fiel zeitweise auf das Niveau von 1985.

Economiesuisse fordert Frankenkurs

Der Wirtschaftsdachverband Economiesuisse forderte derweil von der Schweizerischen Nationalbank (SNB), alles für einen Euro-Franken-Kurs bei 1,08 bis 1,10 Fr. zu tun.

"Ich erwarte, dass die Nationalbank auch künftig alle Mittel nutzen wird, um die Aufwertung des Frankens in der Grössenordnung von 1,08 bis 1,10 Fr. halten zu können", sagte Economiesuisse-Präsident Heinz Karrer in einem Interview mit der Zeitung "NZZ am Sonntag".

Gegenüber der Onlineausgabe der "Schweiz am Sonntag" sagte Karrer, die SNB müsse weiterhin eine unabhängige Geldpolitik betreiben können. "Aber natürlich muss sie alles unternehmen, damit der Euro die Kursregion von 1,10 Franken auch kurzfristig nicht gegen unten verlässt." Dafür solle sie die zur Verfügung stehenden Mittel anwenden, also die Zinspolitik und Interventionen am Devisenmarkt.

Den Aufwertungsdruck auf den Franken würden viele Schweizer Firmen bei ihrer Exportfähigkeit unmittelbar zu spüren bekommen. Grossbritannien sei schliesslich der fünftgrösste Exportmarkt der Schweiz. Zudem würden für viele britische Touristen Ferien in der Schweiz wohl zu teuer. "Darunter wird der Tourismus-Sektor zu leiden haben", sagte Karrer der "Schweiz am Sonntag".

Weniger britische Gäste

Der Chef des Schweizer Reiseunternehmens Hotelplan Suisse, Kurt Eberhard, rechnet mit weniger britischen Gästen. In Grossbritannien werde Hotelplan UK möglicherweise Gäste verlieren, die sich teurere Ferien weniger leisten können.

Angesichts der Talfahrt des britischen Pfundes nach dem Brexit werde die Währungssituation dazu führen, dass im Winter voraussichtlich weniger Briten in die Schweiz kommen würden, sagte Eberhard der Zeitung "Zentralschweiz am Sonntag": "Das schmerzt. Die Briten sind gute Gäste und wichtig für die Hotelplan-Gruppe."

So heftig wie Finanzkrise

US-Finanzinvestor George Soros sieht nach dem Votum Grossbritanniens für den Brexit schwere Zeiten auf die Europäische Union (EU) zukommen. Die Auflösung der EU sei damit praktisch irreversibel, schrieb der Milliardär in einem Kommentar auf seiner Internetseite am Wochenende.

Die Finanzmärkte dürften so lange starken Schwankungen unterworfen sein, wie der lange und komplizierte Prozess des politischen und wirtschaftlichen Austritts aus der EU verhandelt werde. Die Folgen für die Realwirtschaft würden vermutlich mit denen der Finanzkrise 2007 bis 2008 vergleichbar sein.

(AWP)