Zinsumfeld - Europa findet einfach keinen Weg aus den Negativzinsen heraus

Europas unkonventionelles Negativzins-Experiment zur Ankurbelung des Wirtschaftswachstums und der Inflation scheint sich als Falle zu erweisen.
21.07.2019 19:11
In der Schweiz und anderswo gibt es derzeit Negativzinsen (Bild: Blick auf das Gebäude der Schweizerischen Nationalbank in Zürich).
In der Schweiz und anderswo gibt es derzeit Negativzinsen (Bild: Blick auf das Gebäude der Schweizerischen Nationalbank in Zürich).
Bild: cash

Fünf Jahre nach der eigentlich als temporär gedachten Stimulusmassnahme hat die Europäische Zentralbank ihre Ziele immer noch nicht erreicht. Demnächst könnte sie die Zinsen noch weiter senken. Japan, die Schweiz, Schweden und Dänemark haben ebenfalls die Nullgrenze hinter sich gelassen, die einst als Untergrenze für die Geldpolitik galt.

Angesichts des sich verlangsamenden globalen Wirtschaftswachstums werden die negativen Zinsen wohl bleiben. Aber je länger sie anhalten, desto lauter wird die Kritik. Sie werden dafür verantwortlich gemacht, die Banken zu schwächen, Sparer zu enteignen, sterbende Unternehmen am Leben zu erhalten und einen unhaltbaren Anstieg der Unternehmensanleihen- und Aktiva-Preise zu befeuern.

Die Zentralbanker räumen ein, dass sie nicht ideal sind. Aber sie sagen entschieden, dass ihre Massnahmen dazu beigetragen haben, eine Deflation zu verhindern und das Wachstum zu fördern. Andere Aussagen dazu würden auch der Glaubwürdigkeit ihres primären geldpolitischen Instruments schaden.

Es besteht die Gefahr, dass die Negativzinsen ein dauerhaftes Phänomen werden. Dies ist eine akute Sorge der Banken, die die Kosten - und damit die Kosten für ihre überschüssige Liquidität - nicht ohne Weiteres an die privaten Einlagenkunden weitergeben können.

«Negativzinsen wie ein Sprung ins Wasser»

Axel Weber, Verwaltungsratspräsident der UBS und ehemaliges EZB-Ratsmitglied, erklärte in diesem Monat in Zürich, dass er niemals sagen würde, dass man nicht in den negativen Bereich gehen könne, man könne alles für eine kurze Zeit machen. Aber es sei wie ein Sprung ins Wasser. Man könne einige Zeit unter Wasser bleiben, man könne aber nicht immer dort bleiben, sagte er.

Der Deutsche-Bank-Ökonom David Folkerts-Landau schätzt, dass die Banken im Euroraum jährlich etwa 8 Milliarden Euro durch die Geldpolitik verloren haben. Der CEO der Nordea Bank Casper von Koskull bezeichnete es als ein “gefährliches Umfeld, das die europäischen Banken tatsächlich erstickt”.

Die EZB sieht das anders: Was die Kreditinstitute an Gewinnmargen verlieren, machen sie volumenmässig mehr als wett, da niedrige Zinsen die Kreditnachfrage ankurbeln. Direktoriumsmitglied Benoît Coeuré bezeichnete die 8 Milliarden Euro als “Peanuts“ (Kleinigkeit) und sagte, die grösseren Probleme seien die notleidenden Kredite und der technologische Wandel.

Negative Zinsen sind eine extreme Variante der Standardstrategie von Notenbanken, die Fremdkapitalkosten zu senken, um den Konsum und die Investitionen anzukurbeln.

Vertrauen in Bankensystem könnte untergraben werden

Äusserst niedrige Zinsen können jedoch den Aufbau nicht tragfähiger Verbindlichkeiten ermöglichen, da Unternehmen und Konsumenten auf diese Weise Käufe finanzieren. Die Kombination aus hoher Verschuldung und höheren Bewertungen in Bereichen wie Immobilien kann auch die Toleranz einer Volkswirtschaft für spätere Zinserhöhungen schwächen und die Zentralbanken zwingen, akkommodierend zu bleiben.

Sie können auch das Vertrauen in das Bankensystem untergraben und dazu führen, dass die Menschen Banknoten und Gold horten. Es gibt gewisse Beweise dafür in der Schweiz, vor allem bei der 1000-Franken-Note, eine der weltweit höchsten Denominierungen für Banknoten.

Dieser geldpolitische Kurs stellt auch eine Lebensader für unproduktive „Zombie“-Firmen dar, die Ressourcen verdrängen und das Produktivitätswachstum beeinträchtigen.

Dies ist eine der Lehren aus Japan, wo die Zinsen vor zwei Jahrzehnten auf Null gesenkt wurden und 2016 schliesslich unter dieses Niveau fielen. Die nie endende geldpolitische Akkommodierung des Landes zeigt auch, was die Wirtschaft wirklich benötigt, nämlich Strukturreformen in der Wirtschaft.

(Bloomberg)

 

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