Zu wenig Firmen geben Erwachsenen ohne Berufsabschluss eine Chance

Nur ein Prozent von 600'000 Erwachsenen ohne Berufsabschluss hat letztes Jahr eine Nachholbildung absolviert. Unternehmen wie Implenia oder die Ems-Gruppe, die sich für die Bildung Ungelernter einsetzen, bleiben die Ausnahme.
19.09.2017 16:10

An Wegen, wie Erwachsene hierzulande zu einem Berufsabschluss kommen können, fehlt es nicht, wie Bernhard Grämiger, Direktor des Schweizerischen Verbands für Weiterbildung (SVEB), am Dienstag in Zürich sagte.

Von den 8'300 Erwachsenen über 25 Jahren, die letztes Jahr einen Abschluss machten, wählten zwei Drittel eine Berufslehre. Davon erlangte die Mehrheit (42%) ein eidg. Fähigkeitszeugnis EFZ, die anderen (24%) ein Berufsattest EBA.

Ein weiteres Viertel entschied sich für eine direkte Zulassung zur Abschlussprüfung. Ein Minderheit (7%) liess sich ihre Berufskenntnisse validieren.

GRUNDKOMPETENZEN FEHLEN OFT

Der SVEB untersuchte auf Basis von zehn fortschrittlichen grossen bis mittleren Unternehmen und Interviews mit Verbänden und Berufsschulen etc., was es braucht, damit Unternehmen in der Nachholbildung reüssieren.

Da es vielen Erwachsenen an Grundsätzlichem wie etwa Sprachkompetenzen fehlt, fördern echte Chancengeber in einem ersten Schritt die Grundkompetenzen, wie Cäcilia Märki, Leiterin der Untersuchung vom SVEB, betonte. Rund 84% der Erwachsenen ohne Abschluss hätte einen Migrationshintergrund.

Das Bauunternehmen Implenia etwa führte dieses Jahr zusammen mit dem Schweizerischen Baumeisterverband und dem SVEB einen Pilot-Kurs für Grundkompetenzen durch. Im Fokus waren Deutsch und Mathematikkenntnisse.

DEUTSCHKENNTNISSE KRITISCH

Auf eigene Initiative startete die Ems-Gruppe im August ein Ausbildungsprogramm für Ungelernte. "Im Pilotprogramm in Domat/Ems absolvieren derzeit drei Erwachsene das erste sechsmonatige Modul für Anlagenführer", sagte Ems-Sprecher Conrad Gericke auf Anfrage der sda.

Die Teilnehmer seien um die 30 Jahre alt - einer sei ein Schweizer, die anderen zwei Ausländer mit einer Aufenthaltsbewilligung. Genügend Deutschkenntnisse sei der kritischste Faktor. Nach drei solchen halbjährigen Kursen sollen die Teilnehmer ein Berufsattest absolvieren können.

"Die ersten Teilnehmer zeigen sich interessiert und machen bei der Ausbildung gut mit", führte Gericke aus. Sie wurden Ems von den regionalen Arbeitsvermittlungszentren zugewiesen. Zwar kriegen sie keinen Lohn, aber weiterhin ihre Sozialleistungen.

Der SVEB-Direktor beurteilt die Ems-Initiative positiv. Vorbildlich in der Vermittlung von Grundkompetenzen seien auch Victorinox, Zweifel Chips, die Post und die SBB, sagte er der sda. In der Schweiz erhalten allerdings insgesamt nur 10% aller Ungelernten Arbeitgeberhilfe für den Erwerb von Grundkompetenzen.

MIT FERIENTAGEN ZUM ABSCHLUSS

Wenn die Ungelernten soweit sind, eine Berufsausbildung zu absolvieren, ist laut der SVEB-Untersuchung die Unterstützung durch den Betrieb entscheidend. Sehr strukturierte und engmaschig begleitete Nachholbildungen gibt es etwa in Spitälern, die generell unter Fachkräftemangel leiden.

Je nach Geschäftsverlauf setzten sich auch Firmen im Bau und der Gastronomie stark ein für die Nachqualifizierung. Gemäss Untersuchung müssen aber die meisten Angestellten Ferientage aufwenden für die Nachholbildung.

Der SVEB kritisiert, dass das Nachholbildungsangebot - allein die Kurszeiten der Berufsschulen - wenig erwachsenengerecht sei. Von der Methodik und Didaktik ganz zu schweigen. Einige Nordostschweizer Kantone und Genf ausgeschlossen, hätten die Kantone grossen Handlungsbedarf bei den Ausbildungskursen sowie der Beratung.

FINANZIERUNG UNGEKLÄRT

Gefordert sind die Kantone auch betreffend einer der grössten Hürden für den Berufsabschluss Erwachsener - der Finanzierung. Zwar zahlten regionale Arbeitsvermittlungzentren (RAV) teilweise Ausbildungszuschüsse oder die Sozialversicherung komme für einen Teil der Ausbildung auf - wie bei Ems.

Doch es könne nicht sein, dass man einer Notlage bedürfe, um an Gelder zu kommen, monierte Grämiger. Vor allem für langjährige Angestellte sei die Finanzierung äusserst schwierig. Zumal sie mit einem Lehrvertrag nur noch einen Lehrlingslohn erhielten. Deshalb sollten etwa Berufsfachschulen kostenlos sein.

Die Aufbruchstimmung in der Nachholbildung nach der Annahme der Masseneinwanderungsinitiative ist laut SVEB wieder abgeflaut. Nur wenige Betriebe seien heute Chancengeber für Ungelernte.

mk

(AWP)