Spanische Ermittler fahnden nach 22-jährigem Verdächtigen

Nach dem Terroranschlag mit einem Lieferwagen in Barcelona fahndet die Polizei nach einem 22-jährigen Marokkaner. Die Regierungen in Madrid und in Barcelona bewerteten die Sicherheitslage am Samstag unterschiedlich, die Terrorwarnstufe wurde nicht angehoben.
19.08.2017 18:11

"Wir können sagen, dass die Zelle von Barcelona total zerschlagen ist", sagte Innenminister Juan Ignacio Zoido. Er begründete seine Einschätzung damit, dass fast alle mutmasslichen Mitglieder der Terrorzelle getötet oder festgenommen worden seien.

Die Ermittler gingen davon aus, dass die Attacken in Barcelona und Cambrils von einem Netzwerk von insgesamt zwölf Verdächtigen verübt wurden. Fünf von ihnen wurden in Cambrils erschossen, vier wurden festgenommen.

Ein oder möglicherweise zwei weitere Verdächtige könnten am Mittwoch bei einer Explosion in einem Wohnhaus in Alcanar südlich von Tarragona umgekommen sein. Die Beamten vermuteten, dass die Gruppe dort Sprengstoff lagerte und ein noch grösseres Attentat als dasjenige in Barcelona vorbereitete. Die Zeitung "La Vanguardia" berichtete, die Terrorzelle habe in dem Wohnhaus drei Autobomben präparieren wollen.

Die Madrider Regierung kündigte an, die Sicherheitsvorkehrungen würden ab sofort verschärft. Eine Anhebung der Terrorwarnstufe lehnte sie aber ab. In Spanien gilt seit zwei Jahren die zweithöchste Warnstufe 4. Sie bedeutet, dass ein "erhebliches Risiko eines terroristischen Anschlags" besteht.

Die katalanische Polizei und die Regionalregierung in Barcelona lehnten es dagegen ab, von einer Zerschlagung der Terrorzelle zu sprechen. Es werde noch nach zwei oder drei Verdächtigen gefahndet, betonte der katalanische Innenminister Joaquim Forn. Solange dies der Fall sei, könne von einer Zerschlagung keine Rede sein.

Beim Anschlag auf der Flaniermeile Las Ramblas in Barcelona waren am Donnerstag mindestens 13 Menschen getötet worden. Wenige Stunden später kam zudem eine Frau nach einem vereitelten Angriff in der südlich gelegenen Küstenstadt Cambrils zu Tode. Sie wurde von Verdächtigen auf der Flucht überfahren.

Zwei Tage nach den Terrorattacken waren noch 54 Verletzte im Spital, wie die katalanischen Notfalldienste mitteilten. Zwölf Patienten seien in kritischem Zustand, 25 weitere schwer verletzt. Das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) hatte bis Samstag keine Hinweise auf Anschlagsopfer mit Schweizer Staatsangehörigkeit.

Die Aufmerksamkeit der Polizei richtete sich Medienberichten zufolge vor allem auf den flüchtigen Mann, Younes Abouyaaqoub. Nach Informationen spanischer Medien soll es sich um den Fahrer des Lieferwagens handeln, der in Barcelona in die Menschenmenge gerast war. Die Polizei bestätigte dies nicht.

Die Ermittler verbreiteten am Samstag ein Fahndungsfoto von ihm. Der 22-Jährige sei der Bruder eines der getöteten Terrorverdächtigen von Cambrils, hiess es. Er stamme aus der Kleinstadt Ripoll rund 100 Kilometer nördlich von Barcelona.

Zur Terrorzelle zählte den Ermittlungen zufolge auch ein marokkanisches Bruderpaar - der 17-jährige Moussa Oukabir, der zusammen mit vier weiteren mutmasslichen Attentätern in Cambrils erschossen wurde, und sein 27-jähriger Bruder Driss Oukabir, der in Ripoll festgenommen wurde.

Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) reklamierte derweil beide Angriffe in Spanien für sich. Mehrere Glaubenskämpfer hätten sie in zwei Gruppen ausgeführt und "Kreuzfahrer" ins Visier genommen, teilte der IS in einer Erklärung am Samstag über das Internet mit. Mit "Kreuzfahrern" meint die Terrormiliz das US-geführte Bündnis, das die Extremisten im Irak und in Syrien bekämpft.

Die Echtheit der Erklärung liess sich zunächst nicht verifizieren. Sie wurde aber über die üblichen Kanäle des IS im Internet verbreitet. Bislang hatte die Terrormiliz über ihr Sprachrohr Amak lediglich den Terrorangriff auf dem Boulevard Las Ramblas für sich reklamiert.

(SDA)