Erste Reaktionen - Ökonomen zur Pressekonferenz mit EZB-Chef Draghi

Trotz steigender Preise will die Europäische Zentralbank (EZB) die Inflation weiter anheizen; es sei noch immer ein "sehr wesentlicher" geldpolitischer Impuls der Notenbank nötig. Erste Reaktionen.
09.03.2017 15:29
Euro-Symbol vor der ehemaligen Europäischen Zentralbank in Frankfurt.
Euro-Symbol vor der ehemaligen Europäischen Zentralbank in Frankfurt.
Bild: cash

Im Februar waren die Preise im Euro-Raum mit 2,0 Prozent stärker gestiegen, als es der EZB lieb ist. Sie peilt nur knapp zwei Prozent an. Der Leitzins bleibt auf dem Rekordtief von 0,0 Prozent. Die EZB bekräftigte zudem, die Anleihenkäufe sollten bis mindestens Ende 2017 fortgesetzt werden. Wirtschaftsexperten und Analysten sagten dazu in ersten Reaktionen:

ULRICH WORTBERG, HELABA:

"EZB-Präsident Draghi verfolgt eine Geldpolitik der ruhigen Hand und hält trotz zunehmender Kritik an der sehr expansiven Ausrichtung fest. Draghi betonte, dass die Abwärtsrisiken für das Wachstum etwas abgenommen hätten, sie allerdings weiterhin vorhanden seien. Insofern ist eine graduelle Anpassung des Wordings zu konstatieren. Gleichwohl sei ein hohes Maß an akkommodierender Geldpolitik weiterhin notwendig. Eine selbsttragende, von der Geldpolitik unabhängige Entwicklung der Inflation sei bislang nicht zu sehen. Tapering wurde auf der noch andauernden Pressekonferenz bislang nicht thematisiert."

FRIEDRICH HEINEMANN, ZEW-INSTITUT:

"Es ist richtig, dass die EZB die Märkte nicht durch hektisches Umsteuern in Unruhe versetzt. Die bis Jahresende angekündigten Anleihekäufe müssen jetzt auch zu Ende geführt werden, alles andere würde verunsichern. Dringend nötig wäre aber eine klare Perspektive für 2018 mit einer realistischen Strategie zum Auslaufen der Anleihekäufe.

Wie bei jedem Ausstieg aus einer Droge ist mit Entzugserscheinungen an den Anleihemärkten zu rechnen, auch Panikattacken sind denkbar. Daher muss die EZB nun ein sorgfältiges Erwartungsmanagement betreiben. In diesem Punkt sind Draghis Äußerungen aber viel zu vage geblieben.

Kritisch zu bewerten ist außerdem eine auffällige Asymmetrie: In Zeiten fallender Ölpreise hat die EZB die zu niedrige Inflationsrate kaum mit Blick auf fallende Energiepreise relativiert. Jetzt wird plötzlich die Ölpreis-Karte gezogen, um den Inflationsanstieg klein zu reden und die eigene Unentschlossenheit zu rechtfertigen. Diese Argumentation kostet die EZB Reputation, denn sie nährt den Eindruck, dass die EZB größere Toleranz bei Zielverfehlungen nach oben als nach unten hat."

CLEMENS FUEST, IFO-PRÄSIDENT:

"Es wäre besser, die Anleihekäufe ab Mai weiter zu senken. Wir erwarten für 2017 eine Inflationsrate von knapp unter zwei Prozent in Deutschland und im Euro-Raum. Das spricht dafür, dass die Europäische Zentralbank jetzt den Ausstieg aus ihrer expansiven Geldpolitik in Europa beginnt. Sie sollte nun den Fuß vom Gaspedal nehmen und ihre Anleihekäufe um monatlich zehn Milliarden Euro verringern. Das bedeutet, sie im Mai auf 50 Milliarden zu senken, im April auf 40 Milliarden und so weiter. Die EZB kauft ab April für 60 Milliarden Euro Anleihen im Monat, um die Inflation in Richtung zwei Prozent anzukurbeln. Die EZB sollte ihre Geldflut eindämmen, sonst besteht die Gefahr, dass sie über ihr Ziel hinausschießt.

"Die Unternehmensbefragungen des Ifo-Instituts zeigen, dass immer mehr Firmen die Absicht haben, in den kommenden Monaten ihre Preise anzuheben. Die Ergebnisse deuten auf eine deutsche Kerninflationsrate von rund anderthalb Prozent im laufenden Jahr. Hinzu kommt noch der Effekt der Energiepreise. Die Inflation kommt nach Deutschland und Europa zurück, denn auch in der Euro-Zone insgesamt steigen die Preiserwartungen der Unternehmen.

ALEXANDER KRÜGER, BANKHAUS LAMPE:

"Die EZB ist trotz der im Februar auf zwei Prozent gestiegenen Inflationsrate auf ihrer Ratssitzung heute ruhig geblieben. Zentrale Passagen ihres Statements sind im Vergleich zu Januar unverändert, die Forward Guidance beibehalten worden. Nochmals sinkende Leitzinsen sind daher weiterhin möglich. Darüber hinaus hat die EZB ihr aus unserer Sicht recht optimistisches Wachstumsbild beibehalten. All dies bedeutet: Die Notenbank wird die Wirkung ihrer geldpolitischen Maßnahmen in den nächsten Monaten weiter abwarten. Im September dürfte sie feststellen, dass die Inflationsentwicklung vom niedrigen Niveau bei null Prozent korrigiert hat. Ihre Wertpapierkäufe wird sie daher ab Januar weiter reduzieren.

ISABEL SCHNABEL, WIRTSCHAFTSWEISE:

"Die EZB hat erneut die Chance verpasst, den Ausstieg aus der ultra-expansiven Geldpolitik einzuleiten. Die Anleihekäufe waren eine Reaktion auf die Sorge, dass die Euro-Zone in eine Deflation rutschen könnte – davon sind wir inzwischen aber weit entfernt. Trotz der deutlichen Erhöhung der Inflation hat die EZB keinerlei Änderung ihrer Strategie oder Einschätzung bekanntgegeben. Mario Draghi hat erneut auf die vergleichsweise niedrige Kerninflation verwiesen. In der Vergangenheit hat die EZB aber sehr stark auf die fallenden Energiepreise reagiert. Bei steigenden Energiepreisen sieht sie hingegen keinen Handlungsbedarf. Eine derart asymmetrische Reaktion gefährdet die Glaubwürdigkeit der Geldpolitik.

Selbst ohne die jüngsten Inflationsdaten spricht vieles für einen Ausstieg aus der lockeren Geldpolitik – vor allem die zunehmenden Risiken für die Finanzstabilität. Zudem wird der Ausstieg aus der lockeren Geldpolitik immer schwieriger, je länger man an ihr festhält.

DIHK-AUSSENWIRTSCHAFTSCHEF VOLKER TREIER:

"Die EZB hat es heute leider verpasst, die Korrektur ihrer bislang äußerst lockeren Geldpolitik einzuleiten. Zwar ist es noch kein Alarmzeichen, dass die Inflation in Deutschland und Europa wieder zurückgekehrt ist. Die EZB sollte aber lieber früher als später einen Ausstieg aus der Niedrigzinspolitik einleiten. Ansonsten drohen umso härtere geldpolitische Einschnitte mit erheblichen Bremsspuren für die Finanzmärkte und die Konjunktur im Laufe der nächsten Jahre." 

(Reuters)