Strengere Regeln für Waadtländer Schweinemast nach Skandal-Videos

Nach einem Fall von Tierquälerei im Schweinemast-Betrieb Annen verschärft der Kanton Waadt die Gangart und reicht Strafanzeige ein. Die Tierschutzorganisation Mart, welche den Fall ins Rollen gebracht hatte, zeigt sich erfreut.
24.08.2017 16:09

Seit über einem Jahr sind die Schweinemastbetriebe der Familie Annen in der Waadt in den Schlagzeilen. Auslöser war im September 2016 ein Video der Tierschutzorganisation Mart, das schreckliche Bilder zeigte: Schweine, die in ihren Exkrementen stehen, zusammengepfercht in zu kleinen Ställen.

Der Kanton Waadt kontrollierte umgehend und fand verletzte und sogar einige tote Tiere. Vor zwei Wochen veröffentlichte Mart erneut Videos, die von katastrophale Zustände in einem Schweinemast-Betrieb von Annen zeugten.

Kurz nach der Veröffentlichung der Videos am 8. August fand der Kantonstierarzt jedoch keine Verstösse. Deshalb führten die Waadtländer Behörden am vergangenen Freitag eine Grosskontrolle bei allen 23 Betrieben durch, an denen das Unternehmen beteiligt ist.

Die Ergebnisse wurden vom Waadtländer Wirtschaftsdirektor Philippe Leuba (FDP) am Donnerstag vor den Medien in Lausanne präsentiert: Gefunden wurden Fälle von Kannibalismus - abgebissene Schwänzchen von Schweinen - sowie überfüllte und nicht den Sauberkeitsvorschriften entsprechende Ställe.

Für die Betriebe gilt eine ganze Reihe von administrativen Sanktionen. So dürfen in fünf Betrieben keine neuen Tiere mehr zugeführt werden. In weiteren müssen 30 Prozent weniger Schweine gehalten werden.

Wegen wiederholten Verstössen gegen den Tierschutz reicht der Kantonstierarzt gegen die Unternehmerfamilie Annen Strafanzeige ein, wie Leuba sagte. Der Waadtländer Wirtschaftsdirektor sprach von einem Einzelfall, der das Ansehen sämtlicher Schweinemastbetriebe in der Waadt in Mitleidenschaft ziehe.

Das sah vor den Medien auch Luc Thomas, Direktor der Vermarktungsorganisation Prometerre so: " Die Branche ärgert sich enorm über den Fall Annen", sagte er vor den Medien. Als Folge will die Waadt die Bedingungen für sämtliche im Kanton gemästeten Schweine verbessern.

Die Massnahmen bewegen sich zwischen Anreizen und mehr Kontrolle. Bis 2020 soll die Zahl der jährlichen Kontrollen auf 600 vervierfacht werden. Die Waadt verdoppelt deshalb das Budget für Kontrollen auf neu eine halbe Million Franken.

Zudem erhalten Schweinemäster, die ihren Tieren den Stall mit Stroh auslegen und ihnen Auslauf gewähren, neu 700 Franken Subventionen anstatt wie bisher 400 Franken pro Tier. Die Erhöhung ist an die Bedingung geknüpft, dass die Tiere 1,6 Quadratmeter anstatt der vom Bund verlangten 0,9 m2 zur Verfügung haben.

Weiter müssen die Produzenten eine Ausbildung und Weiterbildungen absolvieren und künftig mindestens zweimal pro Tag zu den Tieren in ihren Mastbetrieben schauen. "Wir greifen massiv ein, weil wir sowohl um das Tierwohl besorgt sind wie auch für die gesamte Schweinemast im Kanton", sagte der zuständige Waadtländer Staatsrat Philippe Leuba.

Das sei eine grosse Herausforderung für eine Branche, die von den Grossverteilern unter Preisdruck gesetzt werde und der es wirtschaftlich schlecht gehe.

Die Tierschützerin Kate Amiguet, welche für Mart die Videos gedreht hatte, zeigte sich erfreut über den "grossen Schritt vorwärts". Im Fall Annen verlangte sie jedoch ein Verbot für Tierhaltung. Sie kündigte am Donnerstag eine Klage wegen Verleumdung und übler Nachrede gegen die Produzenten Annen an, die ihre Videos in Zweifel gezogen hatten.

Der Annen-Betrieb kündigte am Donnerstag an, dass sich der Patron Willy Annen aus dem Unternehmen zurückzieht. Sämtliche an Dritte vermieteten Betriebe würden geschlossen und in den anderen der Bestand um 30 Prozent gesenkt.

Es sei nicht mehr an der Zeit für Korrekturen, sondern für eine von der Waadtländer Regierung gewünschte Totalerneuerung der Schweinemast im Kanton, hiess es in der Medienmitteilung von Annen.

(SDA)