Studie erwägt frühere Operation bei Fettleibigkeit

Über eine halbe Million Schweizerinnen und Schweizer leiden unter schwerer Fettleibigkeit. Ab einem gewissen Gewicht sind Diäten kaum mehr erfolgversprechend. Eine Studie empfiehlt nun, die Kriterien für kassenpflichtige Operationen neu zu bewerten.
20.01.2017 16:21

Als fettleibig gelten Menschen mit einem Body Mass Index (BMI) von 30 oder mehr. Bei einem BMI von 35 kg/m2 oder mehr spricht man von schwerer Fettleibigkeit oder schwerer Adipositas. Dazu müsste eine 1,70 Meter grosse Person rund 100 Kilogramm wiegen.

Gemäss einer Studie des Swiss Medical Board (SMB), über die der "Tages-Anzeiger" am Freitag berichtete, beliefen sich die Gesundheitskosten durch Fettleibigkeit in der Schweiz im Jahr 2011 auf rund acht Milliarden Franken.

Dafür verantwortlich sind vor allem die Begleiterscheinungen wie Diabetes, Herzkreislauferkrankungen, Gelenk-, Leber- oder Nierenbeschwerden, wie der Präsident der Schweizerischen Adipositas-Stiftung (SAPS), Heinrich von Grünigen, auf Anfrage erläuterte. Er schätzt die Kosten pro Patient auf 100'000 bis 200'000 Franken.

Heute übernimmt die Krankenkasse die Kosten für einen Magenbypass oder eine Magenverkleinerung nur bei Personen mit einem BMI von über 35. Sie müssen dazu im Vorfeld einer Operation während einer Wartezeit von zwei Jahren noch einmal mit Diäten unter medizinischer Beobachtung versuchen, ihr Gewicht zu reduzieren.

Die Studie kommt nun zum Schluss, dass bei Personen mit schwerer Adipositas mit medikamentösen Therapien und einer Änderung des Lebensstils keine langfristigen Wirkungen auf die Lebensqualität und die Gesundheit mehr erzielt werden können.

Auch für von Grünigen sind Diäten und andere sogenannte "konservative Therapien" ab einem bestimmten Gewichtsvolumen fast nicht mehr möglich. "95 Prozent aller Versuche schlagen dann fehl", sagte der SAPS-Präsident.

Ausserdem hätten diese Patienten ihr halbes Leben mit Diäten verbracht. Eine zusätzliche Wartezeit mache deshalb keinen Sinn mehr. Bei schwerer Adipositas sei eine Operation die einzige anerkannte Methode, um das Gewicht zu reduzieren.

Nach Angaben des SMB wurden 2014 in der Schweiz 4167 sogenannte bariatrische Operationen durchgeführt. Diese kosten zwischen 15'000 und 20'000 Franken. Die Daten deuteten auf "einen erheblichen langfristigen Nutzen" der Eingriffe für die Gesundheit der Patienten hin, heisst es in der Studie. Sie hätten sich ausserdem als eine günstige oder sogar eine kostensenkende Lösung herausgestellt.

Der SMB schlägt deshalb vor, dass auch bei Personen mit einem BMI von 30 bis 35, die unter Nebenwirkungen wie zum Beispiel Typ-2-Diabetes leiden, eine Operation in Erwägung gezogen werden sollte. Ausserdem müssten die Kriterien für die Rückerstattung durch die gesetzliche Krankenversicherung "unter Berücksichtigung des aktuellen Kenntnisstands" neu bewertet werden.

Im SMB vertreten sind unter anderem die Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektorinnen (GDK), die Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW) und die Krankenversicherer. Der Vorstand will bis Ende Februar über das weitere Vorgehen entscheiden.

Er könnte auf Grund der Resultate der Studie beim Bundesamt für Gesundheit (BAG) einen Überprüfungsantrag stellen. Dessen zuständige Fachkommission müsste dann entscheiden, ob die entsprechenden Leistungen in die obligatorische Krankenkasse aufgenommen werden.

(SDA)