«2014 wird ein schlechtes Börsenjahr»

Für kommendes Jahr sieht der Bantleon-Chefökonom Harald Preissler deutlich tiefere Börsenkurse. Im cash-Interview sagt er, weshalb ein Ausstieg aus Aktien aber noch verfrüht ist, und er nennt seine Favoriten für 2014.
26.09.2013 01:00
Interview: Pascal Meisser
Harald Preissler, Chefökonom der Zuger Bank Bantleon, in einem früheren cash-Video-Interview.
Harald Preissler, Chefökonom der Zuger Bank Bantleon, in einem früheren cash-Video-Interview.
Bild: cash

cash: Herr Preissler, die Woche der Entscheidungen hat keine neuen Erkenntnisse gebracht. Deutschland hat wie erwartet Angela Merkel wieder das Vertrauen ausgesprochen, das Fed konnte sich noch nicht zu einer Drosselung der Anleihenkäufe durchringen. Viel Lärm um nichts also?

Harald Preissler: Die Bundestagswahlen waren in der Tat für die Finanzmärkte ein Non-Event. Allerdings war schon im Voraus klar gewesen, dass sich in Deutschland nicht viel ändern wird. Das gespannte Warten auf die Wahl war aus dem angelsächsischen Raum motiviert, weil dieser nach Terminen lechzt, an denen Weichenstellungen vorgenommen wird.

Noch steht in Berlin aber keine neue und stabile Regierung. Die Parteien zeigen erst wenig Konsensbereitschaft. Keine Sorge vor 'italienischen' Verhältnissen?

Dazu fehlt doch noch ein schönes Stück. Es gibt eine zu lange politische Konsenstradition in Deutschland. Es wird auf eine grosse Koalition herauslaufen, und die wird man wohl auch bekommen. Die CDU wird dafür einen hohen Preis zahlen müssen, aber europapolitisch setzt Deutschland seinen Weg fort.

Auch die US-Notenbank macht mit ihren Anleihekäufe weiter wie bisher. Ein weiser Entscheid?

Nein, der Rückzug vom Rückzug war völlig unnötig. Die Fed hatte die Märkte auf eine Drosselung perfekt vorbereitet. Einen Gang zurückschalten, das wäre für die Aktienmärkte gut gewesen. Nun belässt sie die Unsicherheit in den Märkten, und das ist der zweite Fehler.

Dennoch, die Börsen haben auf den Drosselungsverzicht positiv reagiert. Eine übereifrige Reaktion?

Das Problem liegt darin, dass aufgeschoben nicht gleich aufgehoben ist. Die Fed hatte versucht, die Märkte an den Prozess der Drosselung, der zwangsläufig kommen wird, zu gewöhnen. Das hat sie nun in Frage gestellt und den Anfang vom Rückzug verstolpert. Das hätte man deutlich besser machen können.

'To taper or not to taper' – das wird nun zur Kardinalsfrage bei jeder Fed-Sitzung.

Ich gehe mal davon aus, dass die amerikanische Notenbank auch im Oktober noch keinen Rückzug starten wird. Bis dann wird sich das konjunkturelle Bild kaum wesentlich geändert haben. Ich vermute, dass der Startschuss im Dezember fällt und gleichzeitig das Ziel, die Käufe bis Mitte 2014 auf null zu reduzieren, aufgeweicht wird. Das heisst, dass die Fed locker nochmals bis zu 500 Milliarden Dollar in den Markt pumpen wird, und auch die Europäische Zentralbank dürfte weitere Langfrist-Tender bringen. Da sprechen wir wohl von einigen hundert Milliarden Euro. An Liquidität wird es in nächster Zeit also nicht fehlen.

Anleger können sich also weiterhin auf boomende Aktienmärkte freuen?

Wir werden wohl einige Monate lang steigende Börsen sehen. Denn nicht nur die Liquidität, sondern auch die nach oben gerichtete konjunkturelle Zyklik beflügelt die Kurse. Die Eurozone hat sich aus der Rezession verabschiedet, die USA und China weisen Anzeichen auf Besserung aus, die Schweiz steht ohnehin stabil da. Das sollte bis ins nächste Jahr die Finanzmärkte anschieben.

An welche Grössenordnung denken Sie da?

Bis Ende Jahr liegen an den Börsen sicher noch zehn Prozent drin. Für den Swiss Market Index prognostizieren wir ein neues Jahreshoch bei rund 9000 Punkten. Anleger sollten deshalb jetzt mit der höchstmöglichen Aktienquote investiert sein. Aber spätestens im Frühling 2014 sollte man wieder vorsichtiger werden.

Was heisst das für Anleger?

Einen Gang zurückschalten, sich neu disponieren, auf der Hut sein. In einem halben Jahr ist aus heutiger Sicht der konjunkturelle Höhepunkt erreicht, die Gewinnphantasien schwinden und gleichzeitig steigt mit den höher werdenden Renditen auch die Attraktivität der Anleihen wieder. Wenn dann gleichzeitig noch der Nachschub an guten Konjunkturdaten wegbricht, droht an den Aktienmärkten ein grösserer Kursrückschlag. Beim SMI sehen wir ein Korrekturpotenzial von 9000 auf 7300 Punkte

2014 wird also ein schlechtes Aktienjahr?

Ja, allerdings ist angesichts der nachlassenden Konjunkturdynamik ein solcher Rückschlag von 20 Prozent völlig normal.

Wo sollen Anleger im kommenden Jahr investieren?

Gegenfrage: Was ist das unrentabelste Anlageinstrument, das Sie sich momentan vorstellen können?

Sie meinen Anleihen…

…genau. Und dazu noch hochqualititative Staatsanleihen. Was heute niemand haben will, dürfte schon bald wieder begehrt sein. 2014 könnte sehr wohl wieder ein Anleihenjahr werden – nach den mauen Erträgen in diesem Jahr.

Ausschliesslich Staatsanleihen?

Ja. Bei Unternehmensanleihen haben wir eine Riesenrally hinter uns gebracht, und die Spread sind nun sehr eng geworden. Die Risikoprämien sind teils kleiner als noch vor der Lehman-Krise. Da gibt es keinen Risikopuffer mehr. 2014 dürften sich diese wieder ausweiten. Bestes Investment sind deshalb hochliquide Staatsanleihen mit Top-Qualität, und zwar nicht wegen des Zinscoupons, sondern wegen der zu erwartenden Kursgewinne. Wir bevorzugen solche aus der Schweiz, Deutschland, US-Treasuries und britische Gilts, mit Abstrichen auch Staatsanleihen aus Frankreich, den Niederlanden und Österreich. 

Die langfristigen Zinsen sind seit Ende Mai deutlich angestiegen. Wie geht es weiter?

Bis Ende Dezember sollten diese tendenziell weiter steigen. Der zehnjährige Eidgenosse könnte noch bis auf 1,5 Prozent klettern, der deutsche Bund von heute 1,8 Prozent auf 2,5 Prozent. Mit der konjunkturellen Abkühlung im nächsten Jahr werden auch die Zinsen aber wieder deutlich zurückkommen und sich zwischen dem Allzeittief und dem heutigen Stand einpendeln. Erst 2015 sehen wir eine neue Welle nach oben, welche die zehnjährige Schweizer Bundesobligation auf bis zu zwei Prozent treiben könnte.

Um die Euro-Schuldenkrise ist es wieder ruhig geworden. Was droht im Falle Ihres prognostizierten konjunkturellen Rückgangs?

Dieser wird wohl dazu führen, dass die Schuldenkrise wieder hochkocht. Spanien ist nur noch knapp von der Ramsch-Grenze entfernt. Erfolgt das entscheidende Downgrade, kommen enorme Wallungen auf den europäischen Anleihenmarkt zu. Dann wird auch wieder die Frage ins Zentrum rücken: Wie gesund und robust ist die Eurozone wirklich?

Derzeit scheint noch alles in geordneten Bahnen zu laufen.

Vordergründig ja, weil die Finanzmärkte wegen der verbesserten Konjunkturdaten etwas milder bei der Solvenzbewertung geworden sind. Verschlechtern sich diese aber wieder, kehrt der Pessimismus zurück. Dann ändern sich die Wahrnehmung und die Wortwahl bei den Medien, und dann nimmt der Druck auf die Peripherieländer wieder zu.

Welche Gefahr wird von den neuen Problemländern Slowenien und Frankreich ausgehen?

Slowenien ist zu klein, aber um Frankreich mache ich mir wirklich Sorgen. Es wird sich zeigen, wie sehr das Land tatsächlich bereit ist, um tiefgreifende Reformen zur Verbesserung seiner Produktivität anzugehen. Das wird der wunde Punkt werden. Sollte es Frankreich nicht schaffen, einen genügend grossen Wachstumspuffer für die nächste Rezession aufzubauen, dann könnte es schwierig werden.