Actelion-Wirrwarr sorgt für Verunsicherung

Über Actelion sickerten in den letzten 24 Stunden verschiedenste Informationen an die Öffentlichkeit. Analysten sind verunsichert, haben die Hoffnung auf eine Barofferte aber noch nicht aufgegeben.
30.11.2016 08:36
Von Lorenz Burkhalter
Johnson & Johnson sucht nach der richtigen Rezeptur, um die Anspruchsgruppen bei Actelion ins Boot zu holen.
Johnson & Johnson sucht nach der richtigen Rezeptur, um die Anspruchsgruppen bei Actelion ins Boot zu holen.
Bild: ZVG

In den vergangenen 24 Stunden durchlebten die Aktionäre von Actelion eine Achterbahn der Gefühle. Gestern Dienstag fiel die von Übernahmespekulationen getriebene Aktie nach einem Bericht der Financial Times grösseren Gewinnmitnahmen zum Opfer. Im frühen Handel stürzte der Kurs um fast 9 Prozent in die Tiefe. Wer die Nerven behielt, wurde im Laufe des späteren Nachmittags dann aber belohnt: Eine Meldung der Nachrichtenagentur Bloomberg zündete ein Kursfeuerwerk. Kurz vor Börsenschluss kletterte die Aktie bei 211,10 Franken noch rasch auf den höchsten Stand in der Firmengeschichte.

Diese Nervosität kommt nicht von ungefähr. Das schnelle Geld winkt nur dann, wenn Actelion vollständig übernommen wird und die Aktionäre möglichst in bar abgegolten werden. Dessen dürften sich auch die unzähligen Trittbrettfahrer durchaus bewusst sein.

Widersprüchliche und teils verwirrende Berichte

Eine Barofferte gilt jedoch alles andere als sicher. Denn wie die Financial Times schreibt, diskutieren Johnson & Johnson und Actelion über sehr viel komplexere Strukturen. Angeblich soll sich der breit diversifizierte amerikanische Gesundheitskonzern dabei strategisch an den Allschwilern beteiligen und sowohl eigene Geschäftsaktivitäten als auch finanzielle Mittel einbringen.

Starke Kursschwankungen bei der Actelion-Aktie während den letzten Tagen; Quelle: www.cash.ch

Mit dieser Lösung würden der Actelion-Chef Jean-Paul Clozel und seine als Forschungschefin tätige Ehefrau die stets betonte Eigenständigkeit behalten. Auch die Gefahr einer unfreundlichen Übernahme durch einen anderen finanzkräftigen Pharmakonzern wäre so gebannt. In einem solchen Szenario sehen Händler die Actelion-Aktie gegebenenfalls in die Region von 130 bis 160 Franken zurückfallen.

Allerdings will die Nachrichtenagentur Bloomberg wissen, dass eine vollständige Übernahme noch nicht vom Tisch sei. Unter Berufung auf mit der Sache betraute aber nicht namentlich genannte Personen heisst es, Johnson & Johnson habe das ursprüngliche Angebot von 246 Franken je Aktie angehoben. Dies nachdem Actelion den Amerikanern Einblick in die Finanzen gewährt hätten. Dieser Bericht war es denn auch, welcher am späten Dienstag ein Kursfeuerwerk zündete.

Wie der für Barclays tätige Analyst schreibt, wäre eine Übernahme von Actelion zu je 246 Franken je Aktie noch immer ein lohnendes Geschäft für Johnson & Johnson. Er schätzt die jährlichen Synergien zwischen den beiden Unternehmen auf 200 bis 800 Millionen Dollar und beziffert den Gewinnbeitrag für den amerikanischen Käufer auf bis zu 6 Prozent.

Für den Experten bringt Actelion jedoch alle für einen grossen Pharmakonzern attraktiven Eigenschaften mit sich. Er glaubt, dass der Umsatzrückgang vom Patentablauf betroffene Hauptumsatzträger Tracleer von den Nachfolgepräparaten Opsumit und Uptravi aufgefangen werden kann. Dadurch sei der Zufluss von Barmitteln ins Unternehmen auf Jahre hinaus gesichert, so ergänzt er. Allerdings wird die Actelion-Aktie bei Barclays weiterhin nur mit "Underweight" und einem Kursziel von 145 Franken eingestuft.

Selten zuvor sickerten so viele Informationen in die Medien durch

Etwas optimistischer äussert sich der für HSBC tätige Berufskollege. Aufgrund der milliardenschweren Auslandsvermögen (58 Milliarden Dollar, davon 38 Milliarden Dollar in bar) und der historisch tiefen Zinsen sieht der Johnson & Johnson nahezu jeden Preis für Actelion bezahlen. Da die Amerikaner auch anderen in der Vergangenheit übernommenen Unternehmen innerhalb des Konzerns eine gewisse Eigenständigkeit zulassen, hält der Experte Johnson & Johnson als das ideale zukünftige Mutterhaus für den Allschwiler Pharmahersteller. Er stuft die Aktie von Actelion bis auf weiteres mit "Hold" und einem Kursziel von 174 Franken ein, glaubt jedoch an ein Barangebot für die Aktionäre.

Irritiert zeigt man sich hingegen im hiesigen Berufshandel. Selten zuvor seien bei zwei in Übernahmeverhandlungen stehenden Unternehmen so viele und so unterschiedliche Informationen in die Medien durchgesickert, so lautet der Tenor. Es wird nicht ausgeschlossen, dass eine oder mehrere Parteien oder sogar einige Trittbrettfahrer Indiskretionen streuen, um die eigene Verhandlungsposition zu stärken oder die Gegenpartei in Zugzwang zu versetzen. Auch wird auf die Gefahr aufmerksam gemacht, dass die Verhandlungen immer noch an zu unterschiedlichen Vorstellungen scheitern könnten.