Airline-Markt - Fluglinien hoffen auf weniger Brexit-Turbulenzen

Der Ausstieg Grossbritanniens aus der EU bringt Fluglinien in die Bredouille. Denn die rechtlichen Grundlagen des Flugverkehrs zwischen der Insel und der Europäischen Union werden damit wohl ungültig.
02.04.2017 00:14
Die Billig-Airlines haben von den Liberalisierungen besonders profitiert.
Die Billig-Airlines haben von den Liberalisierungen besonders profitiert.
Bild: ZVG

Das komplizierte Regelwerk muss neu verhandelt werden, und zwar zügig. "Neun Monate nach dem Brexit-Referendum wissen wir immer noch nicht, welchen Folgen es für die Luftfahrt haben wird", sagt Kenny Jacobs, Manager der irischen Airline Ryanair.

Der Countdown läuft: Mit dem formellen Austrittsgesuch der britischen Premierministerin Theresa May bleiben nun beiden Seiten zwei Jahre, um die Formalitäten der Scheidung zu klären. So viel Zeit haben die Airlines aber nicht, da sie ihre Flugprogramme mit Zielen kreuz und quer in Europa mit grossem Vorlauf festzurren. "Nächstes Jahr um diese Zeit brauchen wir Klarheit, da wir dann bereits den Flugplan für Sommer 2019 erstellen", sagt Jacobs jüngst der Nachrichtenagentur Reuters.

Es sei unklar, ob die Belange der Branche in den Gesprächen mit Brüssel wirklich Vorrang hätten. "Unsere Botschaft an London ist, dass sie hier das Tempo vorgeben müssen." Nach Aussagen von Lufthansa-Chef Carsten Spohr werden einige Länder aber ein Vorziehen von Luftfahrtthemen in den Brexit-Gesprächen blockieren. Britische Airlines wollten eine Sonderbehandlung, doch würden Bundeskanzlerin Angela Merkel und der französische Präsident Francois Hollande dies nicht erlauben.

Kommt der Flugverkehr zum Erliegen?

Exemplarisch für die neue Ungewissheit seit dem Brexit-Votum am 23. Juni steht nicht nur Ryanair, sondern auch Easyjet. Die beiden Billigflug-Airlines haben mehr als andere von der Liberalisierung des Flugverkehrs vor zwei Jahrzehnten in Europa profitiert. Easyjet hat seinen Hauptsitz in London und will einen neuen Ableger innerhalb der künftigen EU-Staaten gründen, um ohne Behinderungen weiter fliegen zu können.

Für die irische Ryanair ist das Vereinigte Königreich mit 35 Prozent der Flüge der grösste Markt. Auch ein Worst-Cast-Szenario ist nach Aussagen von Jacobs vorstellbar. "Es gibt die entfernte Möglichkeit, dass es nach dem März 2019 für eine gewisse Zeit keine Flüge mehr zwischen der EU und Grossbritannien gibt."

Viele offene Fragen

Die Fluglinien treibt die Ungewissheit um, ob sie nach dem Brexit ihre Strecken so anbieten können wie bislang. Derzeit nämlich kann jede EU-Airline in jedes andere Mitgliedsland fliegen. Auch Inlandsverbindungen sind erlaubt: Ryanair pendelt etwa zwischen London und Edinburgh. Basis des europaweiten Flugverkehrs ist ein Regelwerk der EU namens European Common Aviation Area (ECAA). Jeder der 28 EU-Staaten ist automatisch Mitglied in dem Flugpakt.

Doch mit einem Rückzug würde Grossbritannien auch aus dem ECAA fliegen. Das Königreich könnte dann versuchen, wieder in den Club aufgenommen zu werden. Der steht nämlich auch Nicht-EU-Mitgliedern offen - Norwegen ist ein prominentes Beispiel. Allerdings müssten die Briten dafür weiter Urteile des Europäischen Gerichtshofs anerkennen. Ein Schritt, den May vermeiden will.

Falls das nicht klappt, könnte die Londoner Regierung sich mit der EU in einem bilateralen Vertrag einigen. Die dritte Möglichkeit wäre, neue Flugvereinbarungen mit jedem EU-Land einzeln auszuhandeln. Dieser Weg sei aber steinig, hatte Easyjet-Chefin Carolyn McCall voriges Jahr gewarnt. "Es wäre für unsere Regierung sehr schwierig, in Verhandlungen mit 27 anderen Staaten die gleichen Flugrechte auszuhandeln, die wir heute als EU-Mitglied haben."

Auch US-Strecken bergen Probleme

Nach dem Goodbye zur Union müssten die Briten nicht nur die Flugrechte für Länder vor ihrer Haustür neu verhandeln, sondern auch die für die USA. Die sind insbesondere für British Airways elementar. Die Flüge zwischen London und New York etwa sind Standbein der Traditionsfluglinie. Derzeit bestimmt das von der EU und den USA ausgehandelte "Open Skies"-Abkommen die Spielregeln und erlaubt den Airlines, alle Flughäfen auf der anderen Seite des Atlantiks anzufliegen.

Grossbritannien müsste nach einem Brexit versuchen, auch bei Open Skies mitzumachen oder einen neuen Vertrag mit Washington aushandeln. Allerdings benötigen beide Seiten dafür einen langen Atem: Bis das Open-Skies-Abkommen stand, vergingen vier Jahre.

(Reuters)